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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Der Mann ist nicht zurechnungsfähig, redet naives Zeug, redet wie ein unmündiges Kind. Nein, so war er schon Tage vorher, auch zur Zeit des Postenvergehens! Der Mann fällt unter den Paragraphen 51, kann unmöglich erschossen werden! Damme zuckte die Achseln, er könne nichts machen.

Krämer war ursprünglich Panzerjäger. Seine Truppe ist bei Kletskaja zum größten Teil nach Westen abgedrängt worden; er geriet mit ein paar Männern nach Osten, auf᷑ unsere Seite und in den Kessel, mit nichts als einer Pistole in der Hand und mit Gummischuhen an den Füßen. In den Gummischuhen hatte er sich die Füße er- froren. Er war dann bei einer Kampfgruppe.

Ja, da ist er auch schon weggelaufen!

Man könnte formelle Gründe heranziehen. Der Mann gehört gar nicht unserer Der Mann ist aufgefangen und bei uns eingestellt worden!

Herr General, das Entscheidende ist doch, der Mann ist nicht zurechnungsfähig und kann nach Recht und Gesetz nicht erschossen werden! Und schließlich ist er ein Familienvater, hat eine Frau, hat zwei Kinder. Er wird wieder in Ordnung kom- men, er ist noch jung. Das Schicksal einer Familie hängt an seinem Leben... Ich kann da nichts machen. Postenvergehen gibt es zu Hunderten. Die Leute können alle nicht mehr, und überhaupt kein Mensch ist hier mehr zurechnungsfähig. Das Armeekorps hat sich gerade diesen Fall herausgesucht und besteht auf Vollstreckung des Urteils!

Koog hatte keine Zeit das Hinrichtungspeloton war schon auf dem Wege. Er lief weiter, zum andern Ende der Schlucht hin, und dort stand er vor dem Chef des Armee- korps, vor Oberstleutnant Unschlicht, der zwar die Blockflöte absetzte, aber sie nicht weglegte und die Lippen gespitzt behielt und sein asketisches Gesicht nicht von dem Notenblatt, einem Kirchenlied aus dem 17. Jahrthundert, abwandte, während er die Argumente Koogs über sich ergehen ließ. Es gäbe niemand in der ganzen Armee, der sich nicht einen sechsunddreißigstündigen oder noch längeren Schlaf wünsche, und eben deshalb sei die Vollstreckung des Urteils eine militärische Not- wendigkeit! war alles, was Koog von ihm zu hören bekam.

Hunderten von Sterbenden hatte Koog in den vergangenen Tagen die Hand gehalten und Trost zugesprochen. Das hier war etwas anderes, und als er aus dem Bunker Unschlichts herauskam, zitterten ihm die Knie. Drei Mann unter Gewehr, geführt von einem Umteroffizier, Sah er durch den Schnee zichen. Er eilte, um noch vor dem Peloton in dem Erdloch anzukommen, in dem der achtundzwanzigjährige Bank- angestellte Hermann Krämer darauf wartete, zu seinem letzten Gang abgeholt zu werden.

Das Peloton kam an Lrämer wurde herausgeholt. Koog schritt neben ihm her. Es folgte der Unteroffi v mit drei Mann, und es folgte der Kriegsgerichtsrat. Nur einige Dutzend Schritte waren zurückzulegen. Zwischen zwei Bunkereingängen wurde Krãmer an die schneeverwehte Wand gestellt. Nichts an der Gestalt, der

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