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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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größte Teil rückte allerdings nach einigen Stunden Ruhe wieder ab. UndRuhe mochten sie es nennen, für ihn war es Lärm, auch wenn sie auf dem Rücken lagen und mit weit offenen Mündern schliefen. Er konnte sich auch nicht verkneifen, den Hauptmann wissen zu lassen, was für Art Leute er kommandierte. Pieser Haupt- mann machte ihm noch den gesittetsten Eindruck, und vor dem düstern Zaunpfahl mit dem Raubvogelgesicht und den glühenden Augen hätte er diese Angelegenheit niemals vorgebracht, eher hätte er sich die Zunge abgebissen. Den Hauptmann indessen hatte er angesprochen; er hatte das Koppel umgeschnallt und die Schirm- mũtze aufgesetzt, war an ihn herangetreten und hatte gesagt:Herr Hauptmann, ich muß Ihnen melden, daß meine beiden Enten, die ich die ganze Zeit auf dem Hofe hatte, von Ihren Leuten gestohlen worden sind! Und damit der Hauptmann nicht meinen solite, daß die Enten in solchen Zeiten etwa Kleinigkeiten wären, hatte er hinzugefügt:Ich habe sie die ganze Zeit über gemästet und pflegte zum Sonntagsessen mir immer eine Ente zu gestatten.

In diesem Moment von Unteroffizier Kulicke eine neue Hiobsbotschaft erhaltend, fügte er auch diese Meldung hinzu:Wie ich soeben erfahre, ist ebenfalls von Lebensmitteln, die ich für die Herren Verpflegungsoffiziere halte, damit sie nach ihren anstrengenden Fahrten etwas zu sich nehmen können, ein ro-Kilo-Fimer Marmelade entwendet worden.

Der Hauptmann war sichtlich beeindruckt, so schien es jedenfalls. Er trat an seine angetretene Truppe heran und sagte:Mal herhören, hat jemand vielleicht zwei gemästete Enten gegessen, dann möge er sich gefälligst gesagt sein lassen, es war das Sonntagsessen vom Herrn Stabszahlmeister! Und an einen Mann, und man muß schon sagen, mit einer roten Marmeladenschnauze, herantretend und auf dessen verschmierten Mund deutend, Sagte er:Soldat Stüwe, laß dich von deinem Unter- offkier darũber belehren, daß der Soldat unter besonderen Umständen nicht nur vor, sondern auch nach dem Essen sich den Mund abzuputzen hat!

Mit einem Wort, es war skandalös, es war Hohn, anders konnte es der Stabszahl- meister nicht auffassen.

Links um ohne Tritt, marsch! hörte er den Hauptmann kommandieren. Und er stand da, das Koppel umgeschnallt, die beste Mütze auf dem Kopf, er stand wie im Nebel. Grinsende Gesichter sah er und die ausschreitenden Füße der ab- rückenden Truppe. Es handelte sich wirklich um mehr, nicht nur um zwei Enten und einen Eimer Marmelade; es handelte sich um die heiligsten Grundsätze. Die wurden hier von leder- und fetzen- und lumpenumwickelten Füßen in Grund und Boden marschiert. Der Stabszahlmeister wandte sich um, erschüttert kehrte er in seinPanjehaus zurück.

Stabszahlmeister Zabel hatte noch in anderem Sinne einen richtigen Instinkt be- wiesen, den Einzug der Kampfgruppe Vilshofen wie ein Aufbrechen der Unterwelt und eine beginnende Sonnenfinsternis zu empfinden, insofern näãmlich, als schon nach zweimal 24 Stunden die Hauptkampflinie sich quer durch sein Gehöft zichen

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