Zigaretten, war ohne Brot. Fünf Hostien besaß er noch, und 36 sollte er, er wußte nicht wie vielen sterbenden Mündern die Wegzehrung spenden. Und das heilige ql mußte er tief in der Hosentasche bewahren, um es vor dem Einfrieren zu schintzen; und wenigstens eine Hand mußte er warm erhalten, zum Auflegen, zum Segnen, zum Austeilen der Sterbesakramente.
Ein Gesicht im Schnee, der Schnee weiß, das Gesicht gelb.
„Wie heißt du, mein Junge?“
„Hollwitz!“
„Wo fehlt's— ich bin der Pfarrer von der 376ten!“
„Eine Zigarette, dann fehlt nichts mehr!“
Von Hollwitz erkannte den Pfarrer, und der erkannte den Stabshauptmann von Hollwitz wieder, der damals in Wertjatschi eine Alarmkompanie übernommen hatte, und er erfuhr— stoßweise entrang sie sich der kranken Brust— dessen Geschichte. Von Hollwitz war verwundet nach dem Flugplatz Pitomnik zum Ausfliegen gebracht worden. In einer heulenden Macht(der Schnee war in das Zelt hereingeflattert und die Verwundeten waren, ohne daß ein Arzt, ein Sanitäter dagewesen wäre, nach- einander lautlos gestorben) hatte er sich erhoben und den Arztebunker aufgesucht und verlangt, daß so viele Verwundete wie nur mõglich aus den Zelten in die Bunker verlegt würden, um sie so bis zum Ausfliegen am Leben zu erhalten. Das einzige aber, was geschehen war— der Oberstabsarzt hatte zu ihm gesagt:„Zeigen Sie mal Ihren Ausflugschein, der muß noch mal überprüft werden, Herr Hauptmann!“ Und den Ausflugschein hatte er nicht wiedererhalten, und damit war er verurteilt gewesen.
Und jetzt Schneenacht, wüster Himmel, ein Pfarrer!
Ein grober Bauernpfarrer,— von Hollwitz entsann sich gut jener Stunde, da er seine Briefe verbrannte, damals hatte er ihn das letztemal gesehen. Mein Gott, nein... das ganze Blend packte den jungen KHollwitz. Er verlor seine Fassung, er schluchzte auf; roter Blutschaum trat auf die Lippen. Der Arm unter dem über- gehängten Mantel und die eine Brustseite stak in einem Verband. Aus dem Ver- wundetenzelt war er, wie alle, die noch laufen konnten, geffüchtet. Auf der Straße hatte er gewinkt, es hatte nichts genutzt. Kein Wagen hatte angehalten. Ein Wagen, den er zum Anhalten zwingen wollte, und dem er sich entgegenstellte, hatte ihn erfaßt und zu Boden geschleudert, und da war er liegengeblieben. Zwanzig Jahre,— in seiner Tasche im letzten Brief von seinem alten Herrn, dem einzigen, den er damals nicht verbrannt hat, heißt es:„... gestern auf dem Stand, ein Vierzehn- ender, ich hatte ihn vor dem Lauf. Aber nein, den hebe ich auf, bis Du zurück- kommst, der ist für Dich...“ Fin Vierzehnender... und Ilse, mein Gott... und ein Schuft von Oberstabsarzt und ein Schuft von Fahrer, und Schnee und Nacht und in der Nacht ein Pfarrer.
Mein Gott, das kann nicht sein!
Die Hand des„groben Pfarrers“ war jetzt doch eine menschliche Berührung, eine
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