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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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noch die Wahl zwischen Konzentrationslager- oder Wehrmachtspfarrer geblieben War, hatte er sich für die Wehrmacht entschieden.

Ich bin der Pfarrer der 376. I. D. stellte er sich vor, wenn er sich zu einer am Wege liegenden Gestalt hinkniete. Die 376. Infanteriedivision, vor 56 Tagen jenseits des Donstroms angeschlagen, war von ihrem Kommandeur diesseits des Dons von neuem aufgestellt und bei den Kasatschihügeln von neuem geschlagen und versprengt worden. Nur noch führerlose Haufen waren von Westen her durch den Schnee getrieben. Der Pfarrer war nicht mit dem Divisionsstab davongefahren. Er war geblieben, wo das Sterben war, und hinter einem dieser Haufen mit seinem evange- lischen Kollegen Martin Koog und seinem Küster Hans Schellenberg und einem abwechselnd gezogenen Rodelschlitten mit dem Gepäck war er hergezogen. Jet?t waren auch diese Haufen, ohne daß sich etwas Sichtbares ereignet hätte, in alle Winde zerstoben, und es war kein Koog, kein Schellenberg, kein Rodelschlitten mehr da, allein zog er seines Weges.

Protestanten, Katholiken, Russen drückte er die Augen zu. In dieser Macht waren es keine von Granat- und Raketensplittern Zerrissene, waren es Geprellte, Ge- quetschte, Abgestürzte, von Deichseln Gespießte, von Pferden Zertretene, Uber- fahrene, von schwerem 8-Tonner Zermanschte, waren es Erfrierende, waren es aus den Verwundetenzelten Geflüchtete und im Schnee Steckengebliebene.

Das Wetter änderte sich. Am Tage war Schnee gefallen, abends war es dunstig gewesen, jetzt war der Temperatursturz da, und aus dem hohen Himmel fiel mörde- rische Kälte herab.

Pfarrer Kalser beugte sich über den nächsten.

Am Blick, mit dem der Priester in ihm gegrüßt wurde, erkannte er den Katholiken, und er holte das faustgroße Beutelchen mit dem aufgesticktenOl hervor, einen Wattebausch, der schon die Stirn von Hunderten gestreift hatte, eine daumengroße goldne Kapsel mit dem vor Kälte gerinnenden Oleum Infirmorum enthaltend. Willst du den Heiland haben?

Ja! sagten die im Dunst aufscheinenden Augen. Die Hand, nach dem Beutelchen sich ausstreckend, griff schon ins Leere. Unter der segnenden Berührung der Stirn, unter der aufgelegten Hand wurde das Röcheln des Sterbenden schwächer. Viel- leicht, daß er noch einmal das Ewige Licht seiner Porfkirche erblickte, daß er noch einmal die Luft seiner Heimatserde verspürte, daß ihm seine Mutter, seine Frau zu Hause noch einmal erschien.

Geweitete Augen. Todeskampf. Aus.

Herr Pfarrer, bleiben Sie bei mir! flehte der nächste.

Nehmen Sie bitte diesen Brief mit! Schreiben Sie bitte an meine Frau! baten andere. Fast alle verlangten Abtransport. Viele verlangten eine Zigarette, viele verlangten Brot.

Sterbende, die eine Zigarette rauchen wollen! Sterbende, die nicht nach geweihtem, die nach einem Stück einfachen Schwarzbrot verlangen! Der Pfarrer war ohne

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