liegenbleibend, oder wieder aufstolpernd, so war die wilde Jagd vorbeigestoben, nach Osten, vom Flugplatz nach Pitomnik-Porf, nach Haltestelle 44, und wer so weit kam, bis Gumrak, und wer so weit kam, bis Stalingradski, und wer noch weiter kam, bis Stalingrad .
Die Posaunen von Jericho ,— kein Panzergeschoß, kein Panzer, der Laut aus einer angstgepreßten menschlichen Kehle, und der von tausend Hirnen aufgefangene und weitergetragene Alarmschrei hat diesen Spuk entfesselt, und Pitomnik war entvölkert, war wüst und aufgegeben, und nur der eisige Hauch der Wolga strich jetzt über den riesigen Autofriedhof und vorbei an Ruinen und Haus- und Bunkerwänden und Bunkereingängen. Wer in den Dunst hinauslauschte,— vielleicht daß das Wimmern eines Sterbenden sein Ohr berührte; und wer dem Wimmern nachginge,— vielleicht, daß er monotones Fragen und schluchzende Antwort vernähme; und vielleicht, daß er im Dunst die kniende Figur sähe, über eine ausgestreckte Menschengestalt gebeugt, und vom Uniformrock herabbaumelnd eine blinkende silberne Kette, am Ende der Kette ein Kruzifix.
„Nein, ich will nicht.. ich will nur einmal...“
„Was willst du nur einmal, mein Junge?“
„Acht Jahre Hitlerjugend , dann Arbeitsdienst, dann Landdienst, dann Soldat... einmal, Herr Pfarrer, leben ohne Spindkontrolle, ohne Antreten, endlich einmal allein sein.
„Ich will nicht, ich will nicht...“
„Auch das Kind will nicht einschlafen, mein guter Junge. Wenn aber die Mutter die Hand über die Augen legt, schließen sich die Augen von selbst!“
Der Sterbende röchelte, seine Gestalt streckte sich.
„Vater unser, der du bist im Himmel...“
Und Finger recken sich vor und schließen die Augenlider, zichen das Soldbuch aus der Brusttasche, brechen das untere Teil der(u diesem Zweck perforierten) Er- kennungsmarke ab und nehmen es an sich. Finger verrichten mechanisch tausendmal geübte Tätigkeit.
Lippen murmeln:...„Herr, gib ihm die ewige Ruhe. Und das ewige Licht leuchte ihm.“
Der Pfarrer ging langsam weiter. Er ließ den Ort der Verlassenheit, ließ gescheiterte Fahrzeuge, ließ von Lastfuhrwerken auf die Seite geschleuderte Schlitten, ließ ver- endende Pferde hinter sich. Auf der Landstraße, die sich in eine Steppenschlucht hinabsenkte und am Boden der Schlucht weiterführte, wanderte er in der Richtung Gumrak auf den Spuren des Alps, der mit Explosionsmotoren, mit schleu- dernden Wagen, auf schlurfenden und strauchelnden menschlichen Füßen vor ihum herrollte.
Wehrmachtspfarrer Kalser war auf dem Wege von Pitomnik nach Stalingrad . Einmal war er Vikar im Corveyer Land, in Höxter an der Weser gewesen. Er war aus dem westfãlischen Kohlengebiet, aus einer Bergarbeiterfamilie. Als ihm eines Tages nur
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