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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
77
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Bodendiebstähle begehen und sowas kommt alle Tage vor), und der schwere Gummi- schlauch klatscht auf den Leib dieses elenden obdachlosen Geschöpfes nieder, trifft auch das Gesicht und die im Schreck geweiteten Augen des aus dem Schlaf Gerissenen. Und der Lagerverwalter Urbas ist ganz groß, er bekämpft das Flend und das Unglück mit dem Gummischlauch, ist ein Gendarm, ist ein Wirt, ist ein Besitzer, ist Verteidiger einer hartherzigen Ordnung, er prügelt den Taumelnden die Treppe hinunter und kehrt zurück, hängt den Gummischlauch wieder hinter die Korridortür und setzt sich wieder aufs Sofa an den Kaffeetisch, und Brigitte stellt die kalt gewordene Tasse auf die Seite und gießt ihm eine neue Tasse damp- fend heißen Kaffee ein.

Das ist Urbas, das war Urbas.

Aber jetzt hat er keinen Gummischlauch, sondern eine aus ihren Angeln gerissene Pritsche in der Hand, und die saust im Kreise herum. Wen diese mörderische Waffe mit der Kante berührte, der wäre tot oder verkrüppelt, wen sie mit der Fläche streift, der läßt Haare und Hautfetzen und trägt Beulen davon. Urbas bekämpft das Flend, und er schlägt die Elenden und Unglücklichen. Aber er ist nicht mehr der Urbas mit dem Gummischlauch, er ist kein Wirt und kein Besitzer, keinVe- teidiger der Ordnung, ist auch kein Soldat einerNeuen Ordnung mehr.

Der Urbas im Bunker war nicht mehr der Urbas aus Leipzig mit einer Frau und einem Sohn und einer Dreizimmerwohnung und einem Schrebergarten und einer Laube. Er war nicht mehr der Unteroffizier Urbas, der unberührt an Galgen mit erhängten Männern und Frauen und der mit seiner Troßkolore gedankenlos an Panzergraben vorbeiziehen konnte, von denen er wußte, daß sie mit den Leich- namen von Erschlagenen angefüllt waren. Der Urbas im Bunker fühlte die Schläge, die er austeilte, und er fühlte sie schmerzhaft. Er war ein Verzweifelter und Unter- gehender und heulte und schrie, und der Schweiß fiel in Flocken von seinem Ge- sicht, und Schaum brach aus seinem Mund, und er konnte nicht verhindern, daß seine Kräfte verfielen und die Pritsche oder Stalltür seinen Händen emtfiel und daß man über ihn herstürzte und ihn zu Boden warf und auf ihn einschlug und ihm die Hãnde und Füße festhielt.

Sein Körper bäumte sich auf. Fin halbes Dutzend Männer lagen über ihm. Die zerfetzten Teile der Bunkereinrichtung lagen herum. Die Stimme Feldwebel Pöhls wurde vernchmbar:Wahnsinnige Gesellschaft, vollständig wahnsinnig geworden! Habt ihr nicht gehört: Alarm! Der Russe greift an! Auch der Kompanieführer, Hauptmann von Hollwitz, war da:Seid ihr wahnsinnig, seid ihr von einer wilden Kuh gebissen? Alarm! Raus!

Der Russe.. 1 Es war 10 Uhr oo Minuten. Der über Urbas liegende Haufen hatte nicht nur den zuckenden Urbas, hatte plötzlich auch eine vibrierende Erde unter sich. Die rus- sische Artillerie war zu hören, eine erste schwere Salve, ein schweres Echo, ein zweites verrollendes Echo. Die Auftaumelnden vernahmen schon die neue Salve