Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
76
Einzelbild herunterladen

eincn lichten Moment zu verscharten. Der Irbas, ein Menschenkind, eine umstellte Kreatur, das war er, und die Hilflosigkeit und Bösartigkeit dieses Hungerrudels, das ihn umstellte, das waren die andern. Finen festen Punkt erblickte Urbas im Taumel der Dinge und Menschen, den aus einem Benzinkanister angefertigten Blechofen. Von seiner Pritsche herabsetzen, den Ofen ergreifen, samt dem Inhalt an grauer Holzasche dem Obergefreiten Rieß über den Kopf stülpen und mit einem Zupacken seiner Fäuste diese Blechhülle unförmig zusammenstauchen, war das Werk einer Sekunde. Das Ofenrohr war zusammengefallen, schwarze Rußflocken wirbelten durch den Raum. Urbas stieß gegen den Tisch, und im Handumdrehen und unter einem Trommeln der Fäuste war kein Tisch mehr da, nur noch Stücke davon. Von einem Furor der Hände und Füße war Urbas erfaßt, und was er in die Hände bekam, verwandelte sich in Hiebwaffen oder in Wurfgeschosse, und die dem Wüterich näherkamen, erhielten Hiebe und Fußtritte gleichzeitig. Ein kurzer, vierschrötiger Kerl war Urbas, mit einer Bürste grauen Stachelhaares auf dem Kopf, das jetzt, weil es lang geworden war, weicher aussah und ihm in die roten Augen hineinhing und das gedunsene Gesicht umflatterte. Er war Packer und dann Lager- verwalter bei einer Leipziger Exportfirma gewesen, hatte zu Hause eine Frau go- lassen, die Brigitte hieß, und er hatte einen Sohn, der ebenfalls im Felde stand. Dieses Ungeheuer, das außerhalb des Gleichgewichts- und Schwergewichtsgesetzes zu stehen schien und wie eine fleisch- und muskelgewordene Zentrifugalkraft den Bunker nach allen Enden hin und bis in alle Winkel ausfüllte, hörte und sah. Der Packer, der Lagerverwalter, der Troßunteroffizier Erich Urbas hörte Fluchen und Schreien und er sah den von der Blechhaube befreiten Rieß am Boden kauern und sich die Asche aus Gesicht und Augen wischen, und er sah den Liebich und Liebsch übereinander hingekegelt, sah Tünnes und Fell und Altenhuden aufs neue auf ihn eindringen, sah den Unteroffizier Maulhard, den Verband und die durchbluteten Hosen an seinem Hinterteil festhaltend, von der Pritsche flüchten, sah den an der Lehmwand stehenden und starrenden Gnotke, er sah Feldwebel Pöhls die Bunker- treppe herunterkommen noch ehe die Tür aufgestoßen wurde, er sah durch Wände, durch Nebel, er sah schr viel. Einen schweren Gegenstand hatte er in der Hand und ließ ihn durch die Luft sausen. Und gewiß war es kein Gummischlauch, der in prasselnden Schlägen auf einen menschlichen Körper aufklatschte. Und doch war es auch dieser schwere Gummischlauch, der bei ihm zu Hause hinter der Kor- ridortür hängt. Und alles war wieder da: ein Sonntagnachmittag, geblümte Tassen auf dem Kaffeetisch. Brigitte gießt den dampfenden Kaffee ein, er selbst sitzt in Hosenträgern, die oberen Knöpfe seiner Hose geöffnet, auf dem Sofa, auf dem er sich nach dem Kaffee ausstrecken wird; und er hat nach einem daumendicken Stück Napfkuchen gegriffen, als eine Nachbarin eintritt und sagt:Da oben auf der Boden- treppe liegt ein Penner! Und da war Urbas, da war der Gummischlauch, und da ag der Penner zusammengekrümmt neben der Bodentreppe und schlief denSchlaf des Gerechten (aber ein Penner kann auch die Bodentür aufbrechen und kann

76