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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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des Remscheiders kaum noch sprach, dem zu allem Unglũck mun auch die Brille zerbrochen war. Er dachte an den rothaarigen Unteroffhzier Urbas, der mit einer Sonderbaren Krankheit auf seiner Pritsche lag; er dachte auch an diesen gesprungenen Topf an den Gimpf. In Wjasma war er also nicht bei der Fronttruppe, sondern bei einem Wachkommando gewesen, und bei diesem Wachkommando war ihm das zugestoßen, was verheerender als Straf bataillon und alles sonst gewesen war, soviel hatte er inzwischen über die Angelegenheit Gimpf herausbekommen.

Der Lehrer Dingelstedt hatte den Pferdekadaver cr eicht. Er hob die Hand mit Seinem Messer und schnitzte ein Stück Fleisch heraus. Gnotke lauschte. Er hörte nichts als das Heulen des Sturmwindes, und er sah in diesm Moment nichts als hinter wehenden Schneegardinen die Bewegungen jener Hand mit dem Messer. Vielleicht hat er Glück und kommt damit durch! dachte er. Im gleichen Moment

hallte ein Schuß auf.

Es war der 8. Januar, und an dreißig Kilometer vom Bunker Gnotkes entfernt, und an der Nordriegelstellung, und auch hier war Schneetreiben, und auch hier hing die Sonne wie eine blasse Scheibe in zichenden Dunstschichten.

Da war ein Leutnant Lawkow, ein Kleiner pockennarbiger Kerl. Er hatte einen Fern- sprechhörer in der Hand, aufgeregt rief er hinein:Menschenskind, sind Sie denn wahnsinnig geworden. Sie sehen doch, das sind doch Parlamentäre mit einer weißen Fahne!

Ganz egal, das sind Russen! Da wird eben gefeuert! wurde ihm aus dem Nachbar- graben erwidert.

Leutnant Lawkow war Bataillonsadjutant, aber weil der Bataillonskommandeur krank nach hinten gegangen war, hatte er vertretungsweise das Bataillon übernommen. Er legte den Hörer auf, fluchte auf den Nachbarn, starrte wieder über den Graben- rand weg in das Schneetreiben. Eine im Winde flatternde weiße Fahne war dort zu sehen, die sich unter aufspritzenden Gewehrschüssen wieder zurückzog. Leutnant Lawkow rief das Regiment an und ließ sich sagen, daß der Oberleutnant der Nachbartruppe formell richtig gehandelt hätte, denn laut Armeebefehl seien Parlamentãre durch Feuer abzuweisen. Der Regimentskommandeur selbst meldete Sich und ließ sich von Lawkow berichten. Eine halbe Stunde spãter traf der Komman- deur, Oberst Lundt, vorn im Graben ein.

Noch eine halbe Stunde spãter waren die russischen Parlamentãre wieder da. Wieder flatterte eine große weiße Fahne im Wind. Wieder tõnte ein Trompetensignal über das Schneefeld. Dieses Mal fielen keine Gewehrschüsse mehr. Oberst Lundt schickte Leutnant Laukow den Parlamentãren engegen, Lawkow führte sie auf einem minen- freien Weg durch das Niemandsland in die deutsche Linie. Zwei russische Offiziere und ein Trompeter, sie erklärten dem Obersten, daß sie im Namen des Sowjet- oberkommandos dem Befehlshaber der 6. deutschen Armee ein Dokument zu über- bringen hätten.

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