Dieses Ringen um den Tod, wenn Ihr das hier sehen würdet, Ihr würdet schreien, was aus Eurem Hals herausgeht...—„Meine liebe Frieda! Ich bin ganz verzweifelt, wie viele Menschen hier liegen bleiben. Wir haben so viele Erfrorene und was nicht weiter kann, bleibt liegen. So ein Rückmarsch, Tage und Nächte soll es gehen, und diese Kälte, und wir sind wirklich fertig um die Beine...
Das war ein Postsack noch aus dem Monat Dezember. Der Dezember war vergangen, und der Januar war angebrochen. Briefe wurden nicht mehr geschrieben und wären auch dann kaum noch, jedenfalls nicht in Mengen, geschrieben worden, selbst wenn die„Jus“ noch eine regelmäßige Beförderung hätten aufrechterhalten können. „Liche Frau! Ich habe keine Lust zu nichts mehr, auch nicht zum Schreiben...“ Sie hatten alle keine Lust zu nichts mehr, wobei„Lust“ ein ungehöriger, schon begr abener und ihnen schon verwester Begriff war. Sie schrieben keine Briefe und ma hten keine Tagebucheintragungen mehr, das lag hinter ihnen. Sie befanden sich alle in der„verdammtesten Gegend,“ und sie spürten alle den Begriff der„Hölle“. Die Körper bedeckten sich mit Furunkeln, und in die Eiterstellen fraßen sich Läuse ein. Sie hatten Hunger und nicht genug, die Leere ihrer Magen zu stopfen, und Fieber und Durchfall und Erbrechen und vom Frost geschwärzte Glieder, und keine Pillen und keine Spritzen mehr, Schmerzen und der Gestank aus offenen Wunden blieben oft die einzigen Betãubungsmittel, und die Gesichter der Frau und der Klei- nen zu Hause erschienen den Fiebernden wie wesenlose Gespenster. Sie waren alle „fertig“, und nicht nur um die Beine herum, auch in den Eingeweiden und an den Nieren und Lungen, und auch in ihren Herzen. Und dennoch:„Unter den augen- blicklichen Verhältnissen bleibt der Mann dienstfähig!“ hieß das vom Bataillonsarzt, vom Regiments- und Pivisions- und Truppenkommandeur und vom obersten Kriegs- herrn ausgesprochene Urteil, und sie gingen Wache, standen Stunde um Stunde Posten, taumelten immer wieder auf᷑ zu fruchtlosen Angriffen gegen sowjetische Stel- lungen; sie starben wie Pferde an der Deichsel und an den Zugsträngen, oder sie Starben noch immer nicht und fielen wieder zurück in das Halbdunkel ihrer Bunker. Das war der Umkreis Gnotkes, der nahe und der weitere; und wie er da stand und üũber das sSchneeübertoste Feld starrte, dachte er an Gesichter, die neben ihm gewesen und wieder versunken waren, und an Hoffnungen, die sie überlebt hatten und die andere heute auf dem Wege ins Michts begleiteten. Er blickte wieder nach dem Lchrer aus, der nichts als ein grauer Strich am Boden war, ein hingeworfener Zweig im wehenden Chaos. Der Lehrer bewegte sich so vorsichtig, daß er ohne Bewegung schien und erst nach einer Weile war zu bemerken, daß er sich seinem Ziele langsam näherte. Dieser Lehrer hatte eine Frau, hatte Kinder, hatte ein Haus und Bienen- stõcke hinter dem Haus, und hier riskierte er Frau und Kinder und Leben um ein Stück Pferdefleisch. Und was kann man machen, ausreden läßt sich so einer das nicht. Der Pferdekadaver ist lockender, als alle Worte und erhobenen Vorstellungen es sein können.
Gnotke dachte an Stüwe, der dicke Füße bekommen hatte, der seit dem Weggang
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