Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
58
Einzelbild herunterladen

Jene in den Schneelöchern aber.. Da war dieser Junge aus Ottakring , hatte schon eine spitze Nase und war eigentlich schon ganzfertig und setzte alle seine Hoffnung auf ein Weihmachtspaket und redete von Striezel und Zuckerl und Gebäck und Seefisch mit Salat, und Gnotke hatte zugehört und sich vergeblich bemüht, die Vorstellung, die sich ihm mit der Spitzen Nase und dem täãglich mehr verfallenden Gesicht verband, zu verscheuchen. Und da war dieser Bauer aus Ostermiething , der schluckte alle Pillen, die er bekommen und die er von anderen einhandeln konnte, und wurde seine Scheißerei doch nicht los. Pabei hatte er nichts als seine Acker in Ostermiething und die Pferde dort im Kopf. Und ob sie trächtig sind oder ob die Paula oder Mietzel etwa leer geblieben ist, verlangte ihn zu wissen. Auch hinter diesem Bauern, der an Acker und Vieh und daran dachte, wer wohl jetzt das Futter schneiden und das Wasser in den Stall tragen wird, hatte er schon die aufgetane Grube gesehen. Er hatte aber noch zu erleben, wie der Junge aus Ottakring schon keine Striezel und keine Zuckerl, sondern nur noch ein halbes Kommißbrot zum Weihnachtsfest wünschte, und auch das nicht erhielt. Und den Bauern aus Ostermiething , der zäh um den Preis für jede Pille gefeilscht hatte, hat er soweit verfallen schen, daß er sich eines Tages aufrichtete und mit vor Kãlte klammer Hand einen Brief schrieb, der niemals abgeschickt werden konnte, in dem es hieß:Liebe Eltern und Gsechwister, Zahlt mir zwei heilige Messen, damit ich halbwegs gut rauskomme. Mir kommt's aufs Geld dafür gar nicht an...

Und da war der Soldat aus Billerbeck in Westfalen , trübselig geworden in Gedanken an seine Braut, die sich mit einem Franzosen eingelassen und ihm, ihrem Bräutigam, geschrieben hatte:Acht Mädchen sitzen hier dafür, alle Eltern und Männer haben verziehen; sie müßten doch, sagen sie, ohnehin genug durchmachen, nur ich habe niemanden, ich bin so unglücklich, ich muß immer an die Muttel und an Dich den- ken. Und ein anderer, ein Buchhalter aus Durlach in Baden , ärgerte sich gelb, weil er in seinem Heimatort bei der Wohnungsverteilung übergangen worden war und ein Mitarbeiter der DAF mit zwei Kindern eine dreiräumige, und ein anderer Bekannter und noch einer ebenfalls dreiräumige, und eine Frau Poktor ohne Kinder (und eigentlich eine SS -Dirne und nur damit sie näher bei der SS-Kaserne wohnt, wie er versicherte) sogar eine vierräumige und er selbst als alter Pg überhaupt keine Wohmung erhalten hatte, weil sein Kreisleiter und Kreisobmann und die Be- amten im Wohmungsamt korrupte Schweine seien. Und ein anderer, Bauer und Sklavenhalter aus Hohengüstrow in Mecklenburg , hatte Krger nicht mit den Beamten des Wohnungsamtes, sondern mit den Beamten der Verteilungsstelle fürOstarbeiter, die ihm oder seiner Frau, die in seiner Abwesenheit die Wirtschaft führt, die Arbeits- kräfte nicht so schnell nachlieferte, wie sie in seiner Wirtschaft wegstarben, und für den festgesetzten Preis, bis 40, Reichsmark für die Frau und bis 55, Reichs- mark für den Mann, gaben sie sie auch nicht her, da mußte nochgeschmiert wer- den, mit Fier und Butter oder mit Speck.Noch dazu für Zivilrussen, ein elendes Volk, verlaust und mehr krank als gesund! erzählte er den anderen, die herum-

58