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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Auch Huth machte einen Besichtigungsgang.

Bs war schon dunkel, und jede Hütte hatte ein Hindenburglicht erhalten. Huth blickte in eine der Stuben hinein und in dem trüben Dunst, den das Licht verbreitete, war kein einzelnes Gesicht zu unterscheiden; es war da nur ein den Boden bedeckender trüber grauer Brei, und das Rasseln aus verschleimten Atemwegen und kranken Lungen war zu hören. Ohne sich zu melden, ging Huth weiter. In der anderen Hütte und auch in der nãchsten war die gleiche dunstige Luft, und das Vorhandensein von Menschen war ebenso gespenstisch und nur zu ahnen. Huth rief den einen, den anderen der Unsichtbaren an, und er hörte ihre Antworten. Dann ging er weiter. Praußen atmete er tief die kalte Winterluft ein. Er schlenderte zur anderen Seite hinüber und betrat eine der Lehmhütten. Hier hatte früher vielleicht einmal, wenn Sommers der halboffene Hofverschlag und der leere Schafstall mit in Anspruch ge- nommen worden war und wenn winters alle zusammengekrochen waren, eine Familie von einem Dutzend Menschen gehaust, und der Raum war übervoll gewesen. Jetzt lagen hier an vier Dutzend kranker und blutender und sterbender deutscher Soldaten. Und weil Heiliger Abend war, hatten sie ein Hindenburglicht, ein winziger Docht in einer mit Talg gefüllten kleinen Pappschachtel, der eine Stunde lang brennen und danach alles in tiefe Finsternis zurückstürzen würde. Huth suchte einen be- stimmten Mann, den Messerschmied aus Remscheid , Georg Ketteler, kein ganz junger Mann mehr, doch in dem rapiden Vergehen, das den Mann ergriffen hatte, war plõtzlich sein Kindergesicht, ein vertrauensvoll gläubiges Jungengesicht, wieder zum Vorschein gekommen. Huth hatte ihn nach der Aufnahme noch einige Male gesehen und fand ihn jetzt, schweißbedeckt, und in einem Moment, in dem er, aus dem Delirium erwachend, noch davon benommen war. Der Kranke erkannte den Arzt:Ach, Herr Doktor, ich bin geflogen Ein Traum, den er oft geträumt hatte), So Schön wie niemals. Und wie kommt man zu der Gabe des Fliegens, Herr Doktor... Ja, wie kommt man dazu? Huch erfuhr es, und er hörte, daß in einer Riesenstadt, wo so viele Lichter sind und so große Bewegung und so großes Menschengewimmel und so viele Wesen und ganz unterschiedliche beieinander sind, daß auf den Straßen natürlich auch Feen umhergehen, und wenn man im Vorbeigehen eine streift, dann hat man die Gabe; so hatte der Patient sie jedenfalls erlangt. Und er entsann sich (er sprach mit dünner Stimme und behutsam suchte er das feine Gespinst seines Traumes festzuhalten) auch der Fee und daß er ihr in Gestalt eines Kleinen Mãd- chens in einem ãrmlichen Kleid begegnet war, und daß dieses Mãdchen einen blinden Mann geführt hätte.Aber was ging das mich an, ich hatte ja die Gabe! Sagte er. Huth hörte genau zu und der sterbende Messerschmied mit den geweiteten Knaben- augen erzählte die Geschichte des Porfes Otorwanowka und die Geschichte der gescheiterten Armee. Er schwamm und crawlte?, d. h. auf der Oberfläche des Luft- meers, daß es eine reine Lust war. Das Meer unten war eine blaue Schale und wo es gelb aufstäubte, begann die Wüste... und Strõme und Wãlder und Ackerland und Steppe, alles war unter ihm ausgebreitet, alles gehörte ihm und wo er wollte,

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