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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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piome. Den Puls brauchte man ihnen nicht zu fühlen. Der Puls war frequent und schr bald klein. Haben Sie Durchfall, diese Frage war überflüssig, man roch es. Es war überhaupt nichts zu untersuchen. Und die Leute selbst wollten nichts anderes, als sich in irgendein Loch verkriechen; wenn dazu noch Wärme kam, war es schon alles. Und Wärme konnte man ihnen bieten; wenn schon keine geheizten Räume, So doch den warmen Mief, den die Menge der Kranken ausdünstete. Reinliche Quartiere, erträgliche Witterungsverhältnisse... sorgfältige Desinfektion, Saubere Leibwäsche, das wäre erforderlich gewesen. Aber sie lebten da vorn in Schneelöchern, und jene, die einen Bunker hatten, lagen übereinander wie Heringe in einer Büchse. Und die schon Entkräfteten, die den Hauptverbandplatz bevõlkerten, diese mit Haut überspannten Skelette, lagen nicht etwa, sondern sie hockten in den Hütten, manchmal fiebernd, manchmal im Pelirium, die übrige Zeit über apathisch. Heißen Tee, solange es noch gab, ließ man ihnen reichen. Aber sonst, Trauben- zucker gab es nicht, Zwieback gab es nicht. Konzentrierte Fleischsuppen, Wein usw. wären kräftigende Mittel gewesen, aber die abgetriebenen Pferde(auch die gingen zu Ende) gaben nur eine Brühe ohne Fett. Es traten die ersten Todesfälle an Ruhr, an võlligem Kräfteverfall, an Verhungern ein, und es war nur der Beginn eines Fadens, der nicht mehr abreißen würde. So kam Weihnachten heran. Deutsche Weihnacht, Glanz des Lichterbaumes, Marzipan, Nüsse, Pfefferkuchen, Silberflitter, Engel mit goldenen Flügeln, Duft von Bratäpfeln, goldgelb getönter Gänsebraten, Gabentisch und Tannengrün und Kinderlachen, und auch alle Großen werden wieder Kinder. Auch Stabsarzt Bäumler dachte an die besondere Bedeutung dieses Tages, auch Oberarzt Huth. Bäumler ließ, obgleich die noch vorhandenen Pferde dringend gebraucht wurden, noch ein Pferd Schlachten, damit die Kranken sich wenigstens an diesem Tage die leeren Bäuche stopfen konnten. Schokolade hatte er vom Verpflegungsamt erhalten, eine Menge, daß er auf je fünf Mann eine Tafel verteilen lassen konnte. Am Nachmittag machte er einen Extragang durch die Hütten. Nun, wie geht's? war seine Frage. Ps ging ihnen allen erträglich. Ach, ich bin's schon zufrieden!Es ist ja so gut, daß wir hier sein können, wo es warm ist!Mir geht's viel besser, Herr Doktor!Es kommt schon wieder in Ordnung, Herr Doktor! Das waren Antworten, wie sie Bäumler zu hören be- kam. Wenn einer klagte, über Schmerzen, oder daß kein Platz zum Ausstrecken War, oder daß er noch nicht ausgeflogen war, dann handelte es sich nicht um einen Kranken, sondern um einen der Verwundeten, die körperlich noch bei Kräften waren. Die Kranken klagten nicht. Die Entkräfteten fühlten keine Schmerzen, auch keinen Hunger mehr. Sie saßen da, dõsten, träãumten, antworteten mit Schwachen Stimmen oder mit einem Aufblicken aus großen glänzenden Augen. Einer, der schon im Hinübergehen war, hauchte:Jetzt wird's gut, Herr Doktor!

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