Hunderte waren es, die das Gerücht, daß hier ein HV-Platz eingerichtet werden Sollte, hierhergeführt hatte. Auf San-kas Sanitãtskraftfahrzeuge), auf LKWs, auf Panjewagen, auf Schlitten, zu Fuß waren sie eingetroffen, und die Hütten waren bereits bis auf den letzten Platz belegt. Der LKW der Sanitãtskompanie mit einem Aggregat für das elektrische Licht war kaum angekommen, und das Licht kaum in eine der Bauernstuben(und die hatte erst von den dort Liegenden geräumt werden müssen) eingeführt worden, und die große Operationslampe hing kaum über dem Tisch, d. h. zwei Lampen über zWwei aufgestellten Tischen, als Stabsarzt Bäumler und Oberarzt Huth sich schon über die ersten aus der langen Reihe der Verwundeten beugten und ihnen die dreckigen und durchbluteten Verbandfetzen abwickelten. Die Arbeit begann, und der Mann in der Gummischürze, eine Säge in der HFan i, war kein Militärarzt mehr, der in einer bayrischen Garnison sich an dienstfreien Tagen winters beim Skilaufen und sommers beim Schwimmen und Segeln die Haut braunbrennen ließ, und der seine Abende am Stammtisch beim Schafkopfspiel verbrachte; und der andere war kein Bohemien mehr, der mit einer Lucia Domino und im Cafe Schach spielte und der Seine freien Abende aufteilte zwischen politischer Versammlung, Musik- oder Sport- veranstaltung, Diskussionen über chinesische Lyrik, Psychoanalyse, neuer arischer oder Asphaltkunst. Die beiden Männer in Gummischürze und mit aufgekrempelten Hemdärmeln waren im gewöhmlichen Sinn des Wortes keine Arzte mehr, keine inneren Krzte, keine Wundärzte; sie waren Schwerarbeiter mit Messer und Säge, banden Arterien ab, zersägten Knochen. Die Sanitãtsgehilfen gingen ihnen zur Hand, lõsten Verbãnde, legten neue Verbãnde an, narkotisierten die Patienten, sterilisierten die Instrumente, hielten einen Arm, ein Bein in bestimmter Lage, wãhrend der Arzt sägte und schnitt. Der Operationsgehilfe Bäumlers war auf jede Bewegung seines Operateurs eingespielt und folgte der leisesten Andeutung. Der Gehilfe Huths besaß diese Anpassung an die Art des Arztes, dem er zum erstenmal zur Hand ging, noch nicht. Wundgeruch, Stickluft. Der Sterilisationsapparat und die über dem Kopf baumelnde große Lampe werfen Hitze. Ein Fenster darf nicht geöffnet werden. An Rrzten und Gehilfen läuft der Schweiß herunter. Das Band zerfetzter Leiber reißt nicht ab. Piner wird weggetragen, ein andrer auf den Tisch gelegt. Blut fließt über die Planke. Kein Aufblicken— so wurde es Tag, und Bäumler stand mit den Füßen in einer Blutlache, und Huth stand mit den Füßen in einer Blutlache. Eine Ordonnanz kam mit einer Tasse schwarzen Kaffee. Bäumler griff danach, trank ohne sich hinzuset?en; 8o machte es Huth,— er schloß die Augen einen Moment lang, dann beugte er sich wieder über ein zerfetztes menschliches Glied. Eine Oberschenkelverwundung, ein Splitter war durch einen Schnitt zu entfernen. Tetanusspritze, Verband. Der nãchste: Gesäßdurchschuß. Der Mann lag mit der Nase auf dem Atherkissen, die Jacke über den Kopf geschlagen, die Hosen nach unten gestreift, die Füße in schweren, lehm- verkrusteten Stiefeln. Die Fetzen wurden von der Wunde abgeschnitten, die Ränder
43


