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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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man wird sich einrichten, man wird sich irgendwie durchbeißen müssen. Bäumler plickte sich um, nach seinem Kollegen Huth. Der war zurückgeblieben, hatte den Zug der Panjewagen an sich vorbeirollen lassen, und auf dem hinterher chleifenden Schlitten, der des wenigen Schnees und der Schlechten Ochlittenbahn wegen die geringste Menge an Ladung trug, hatte er sich, wie Bäumler zu seinem Mißvergnügen bemerkte, hingehockt. Und er dachte jetzt nicht an denKollegen Huth, sondern an den ihm unterstellten Oberarzt Huth natürlich ist er müde, aber wer ist nicht můüde; eine schlappe Haltung, und eigentlich müßte man ihn von dem Schlitten herunterweisen! Aber das tat Stabsarzt Bäumler nicht; er stapfte verdrossen weiter durch weichen Schnee und Dreck.

Huth dachte nicht an die bevorstehende Arbeit. Er hockte da und dõste vor sich hin, und wenn er auf blickte, war es ein hochbeladener Lastkraftwagen, waren es die Beine marschierender Soldaten und bis zum Hals bespritzte Gestalten, war es ein- mal eine Herde Kühe(ie gehörten einem Korpsstab) die er neben sich hatte. Sonder- bare Wege, die er zieht, wenn dieser Krieg nun auch anders aussicht, als es noch Tage vorher auszudenken gewesen wäre so ging es ihm durch den Kopf, als er dahinzog und die naßkalte Schneeluft einatmete. Sonderbare Wege, und dieser General gestern, oder war es vorgestern: Man kann die Männer doch nicht, und warum werden sie nicht...? Natürlich: eigentlich kann man nicht! Und doch werden sie, und doch tut man! Und wenn da einer mit einem Bauchschuß liegt und eine Operation von anderthalb Stunde nötig wäre, dann tut es auch eine Faustvoll Mull auf die Finschußstelle, das aufzulegen dauert eine Minute, und der Fall wird auf

die Seite gelegt und ist fertig, für immer fertig. Man kann eigentlich nicht und doch

tut man, denn andernfalls müßten ja Zwanzig oder dreißig andere oder so viele da sind, anderthalb Stunde warten, und von denen wäre manch einer dann ebenso Schlimm dran wie der mit dem Bauchschuß. Man tut also, man macht, was man kann, und sorgt so dafür, daß es immer so weitergeht. Sonderbare Wege, und auf der Straße von Peskowatka nach Dmitrewka oder Otorwanowka befindet er sich also. Und auch die Lucia, sonderbare Wege geht auch die Lucia in Berlin , zur NS- Brauenschaft gehört sie nun also, und Afrika gehört geographisch und klimatisch zu Buropa, schreibt sie; und auch sonst gibt es da Momente in ihren Briefen, Schlüsselstellung, Kraftfeld, unser einmaliger Führer, jeder Mann eine Festung, usw., usw., fehlt nur noch: Der Jude hat Schuld! Aber das geht wohl doch nicht, mit einem jüdischen Vater. Glück hat Sie, daß sie ein uneheliches Kind ist und daß in ihren Papieren nichts über ihre Herkunft stcht. Mun, schließlich schreibt sie aber auch über Tabakmangel und die deutsche Sojabohne, über Bückware(weil der Verkãufer sich bücken und sie unter dem Ladentisch für den bevorzugten Kunden hervorzichen muß), über teure Geflügelpreise und den blühenden schwarzen Markt, auch über unentwegte Heimkämpfer; so ist sie also doch Gwie der OKWBericht) wechselvoll und elastisch geblieben. Ja, das waren noch Zeiten, als er da noch unter dem Dach zwischen ihren selbstgebauten Sperrholzmöbeln wohnte, und als sie

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