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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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melden. Eine Fahrgelegenheit war ihm weder gestellt worden, noch hatte er an der Golubajastraße eine Gelegenheit zum Mitfahren auf einem der vortreibenden LKWs erlangen können. Unter Zurücklassung seines persõnlichen Gepãcks hette er Seinen Weg fortgesetzt, und er war eins der Gesichter in dem über die Ponbrücke treibenden grauen Menschenbrei gewesen.

Im Feldlazarett Wertjatschi hatte er nur einen Tag und eine Nacht zugebracht. Schon am folgenden Tag war er einer Sanitãtskompanie und einem Stabsarzt Bãumler zugeteilt worden, und beide waren nach einer Südlich Wertjatschi gelegenen Motoren- und Traktorenstation in Marsch gesetzt worden, um dort einen Hauptverbandplatz einzurichten. Als sie bei jenem Gehöft anlangten, fanden sie Verwundete in Massen vor. Die lagen ebenso wie vor dem Lazarett Wertjatschi noch auf den Fahrzeugen, und es war keine Mõglichkeit, sie ausladen zu lassen. Das Haus und auch die Trak- rorenschuppen waren bereits von einer Truppe belegt und überbelegt. Es war Abend geworden, bis ein anderer Befehl eingetroffen war, nämlich den HV-Platz noch weiter rückwärts zu verlegen, und zwar östlich Dmitrewka, in einem von dem Dorf abgerissenen Flecken namens Otorwanowka. Am folgenden Tag zogen Stabsarzt Bäumler, Oberarzt Huth, Sanitätsfeldwebel, Sanitãtsunteroffiere pferdebespannt auf Bauernwagen weiter; es war, abgeschen von Huth, der Torso einer im Donbogen zersprengten Sanitätskompanie, und mit Huth und noch einigen neu Dazugekommenen waren es an dreißig Mann.

Der Weg führte hinunter in die Peskowatkaschlucht und zu der aus Peskowatka kommenden Straße. Machdem sie die Peskowatkaschlucht hinter sich gelassen und die Straße erreicht hatten, waren sie nicht mehr allein auf dem Wege; sie waren nur ein Häuflein in einem dahinziehenden Strom, Infanterie, Sanitätskraftwagen, Munitionsfahrzeuge, Gepäcktransporte, Fahrzeuge von Stäben und Verpflegungs- ämtern und Belkleidungslagern, die Peskowatka, die Wertjatschi räumten, oder die schon von weiter her, aus dem Donraum, unterwegs waren, und hinweg über den marschierenden Kolonnen und den hochgetürmten Fahrzeugen z0g ein niedriger grauer Himmel und streute feuchten Schnee auf Mensch und Tier und Maschine. Huth und Bäumler marschierten nebeneinander her. Beide hatten schlaflose Nächte hinter sich, und das Gespräch, das sie miteinander geführt hatten es betraf᷑ ihr Woher und ein gegenscitiges Kennenlernen war schr bald abgerissen. Bäumler war neunundzwanzig Jahre alt, Huth vierunddreißig. Bäumler hatte die Militär- ärztliche Akademie besucht und von Anfang an die Laufbahn eines Militärarztes eingeschlagen. Huth allerdings eine sehr eigenartige Lauf bahn, schien es Bäumler nach dem Wenigen, das er vernommen hatte war erst im Kriege Militärarzt ge- worden.

Bäumler dachte an die Einrichtung des HV-Platzes, an das über den Don herüber- gerettete beschränkte Inventar, an die geringen Mengen an Sanitätsmitteln, an das zahlenmäßig geringe Personal 6 Rrzte, 1 Apotheker, 1 Zahlmeister, insgesamt 165 Mann zählte die Sanitätskompanie bisher), womit jetzt auszukommen war. Nun,

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