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Revolte der Heiligen : Roman / Ernst Sommer
Entstehung
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kührer? Sterben ist kein Ziel. Keiner von uns haßt das Leben. Er würde doch nur sich selber hassen. Keiner von uns hat ein Leben zuviel, um sich seiner als unerwünschte Last zu ent- ledigen.

Etwa fünfhundert Menschen leben in der Judenstadt. Fünfhundert Seelen, in denen Hoffnung, Güte und Aufopferung vorhanden Sind. Gibt es für diese fünfhundert Leben wirklich keine bessere Bestimmung? Ich leugne nicht, daß wir ohne Unterbrechung lei- den. Aber wer leidet, der lebt. Und wer zu leiden aufgehört hat, der hat auch nichts mehr zu hoffen. Er wird Frau und Kinder, Eltern und Geschwister nie mehr sehen. Er wird den Tag des Ge- richts nicht mehr erleben. Er hat allem entsagt. Er hat sich selber ausgelõscht. Er hat das Geschäft unserer Feinde verrichtet.

Die Stimmung begann umzuschlagen. Michael merkte es. Es er- küllte ihn gleichzeitig mit Genugtuung und mit Verachtung jener Gefährten, die ihre Grundsätze so rasch und so mühelos aufzu- geben pereit waren. Er selber hatte seine Grundsätze niemals ge- wechselt. Von Anbeginn hatte er einen unerschütterlichen Stand- punkt eingenommen. Er mußte überleben, um jeden Preis; sei dieser Preis noch so hoch und nahezu unerschwinglich.

Michael merkte, daß er Jan überlegen war. Höflich lächelnd redete er ihn an.

Ich verstehe dich; du bist jung. Du willst etwas tun. Aber was nützt eine Tat, die zum Untergang führt! Ist Untergang Selbst- zweck? Dann empfiehl doch gleich den Selbstmord. Wer von uns hat sich bis jetzt aufgespart, um qurch Selbstmord zu enden? Jan wurde unruhig. Er betrachete die Gesichtszüge der Vertrauens- leute. Wie rasch sie ihn verlassen und Michaels Partei ergriffen hatten!

Michael, zu Jan gewendet, setzte seine Rede fort.

Du leidest offensichtlich an Ungeduld. Glaube mir, Ungeduld ist eine kindische Eigenschaft. Ich pin nicht fromm genug, Geduld als Erfüllung eines religiösen Gebots zu empfehlen. Aber ich bin erfahren genug, sie von jedem Vernünftigen zu fordern. Wir alle sind anderen verantwortlich. Keiner von uns ist nur für sich selber da. Wir müssen uns für die Gesamtheit erhalten. Wir Schulden unser Leben nicht bloß den Lebenden, sondern auch den

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