NEUNTES KAPITEL
Brigolas Regiment war unerträglich geworden. Es lastete aut jedermann. Müdigkeit, Abscheu und Hoffmungslosigkeit waren 80 groß, daß auch der kleinste Trost— das vorübergehende Ver- gessen— versagte. Wollte selbst der Kopf vergessen, so entsannen sich die Muskein und Sehnen. Das Leben hatte keinen Feierabend mehr, keine Atempause, keine Minute der Erholung.
Ging man zu Bett, so glaubte man vor Mädigkeit zu sterben. Stand man auf, so war man nicht weniger müde als am vergan- genen Abend. In den Knochen stak eine brennende Qual, ein stechender Schmerz, das Gift wachsender Ubermüdung. Die den Körper beherrschende Unlust war unausrottbar. Wenn selbst die Jüngsten einander in dem strahlenden Licht eines Junimorgens betrachteten, erkannten sie, daß sie aufgehört hatten, jung zu sein.
Angst hing wie eine Wolke über der Judenstadt, langsam wach-
8 send, immer dichter und drohender. Sie pedeckte den Himmel,
umgab Dächer, Fenster und Türen.
Der Morgenappell war das getreue Abbild des pevorsteherden Tages. Da standen sie, ein Strafbataillon von Gefangenen; schlim- mer als Gefangene, weil es kein Reglement gab, das ihre Leiden ihrem Ausmaß nach abgrenzte. Brigola nannte die Namen derer, die nicht volle Arbeit geleistet hatten, und fügte die Strafen hin- zu, die ihnen auferlegt worden waren. Er lächelte, wenn er sprach, und seine Worte troffen ihm wie
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