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Revolte der Heiligen : Roman / Ernst Sommer
Entstehung
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Eines Tages wollte es Raymunds Verhängnis, daß er zusammen- brach, während Brigola vorbeiging. Er raffte sich unverzüglich auf und setzte seine Tätigkeit fort. Der Betriebsleiter sagte kein Wort. Beim Abendappell aber wurde Raymund eine Woche Nacht- arbeit auferlegt.

Raymund erschrak nicht. Er hatte Khnliches erwartet. Statt heim- zugehen, mußte er in der Werkstatt verbleiben. Sein Schicksal teilten etwa achtzig Leute. Die Hälfte hatte Nachtdienst, die andere war zur strafweisen Nachtarbeit kommandiert.

Der Wächter verglich ihre Namen mit seiner Liste. Dann schloß er die Tür und ließ die Zurückbleibenden mit ihrer Arbeit allein. Jeder von ihnen trat an seinen Platz. Dort hatten die mit Nacht- arbeit Bestraften ihr Werk bis eine Stunde nach Mitternacht zu verrichten. Von da bis zum Morgengrauen gehörte auch ihnen der Schlaf.

Die Lampen über den Werkhänken gaben ein schwaches gelbliches Licht. Um die Wappen und Spruchbänder spielten Schatten. Unter der Decke huschte ein stoßweiser Wind.

Raymund pückte sich und stützte seine Hände auf die Drehbank. Schon jetzt begann sein Herz eine stumme Rebellion. Er suchte nach dem Zylinder, den er zurechtschleifen sollte. Er fand ihn nicht gleich. Aber als er sich aufrichtete, wurde ihm schwarz vor den Augen.

Der Anfall ging vorüber. Das Stück nahm die erforderliche Ge- stalt an. Suchend gingen Raymunds Augen durch die Halle. Jeder seiner Gefährten arbeitete stumm, wie in eine durchsichtige Zelle eingeschlossen. Dumpf atmend bemühte er sich, sein Pensum zu bewältigen. Wurde doch am Morgen das Werk geprüft, gezählt und gebucht.

Raymund fühlte eine Art matter Gleichgültigkeit. Auch er arbei- tete. Aber er machte immer neue und zuweilen lange Pausen. Das Atmen wurde ihm schwer. Die Stirnhaut brannte, wie von einem gleichmäßigen Feuer bestrahlt. Ihm war bange nach Fenyes. Gerne hätte er dessen geschickte Hand neben der seinen erblickt. Seine Nähe hätte Beruhigung bedeutet, sein Schweigen hätte wohl- getan.

Raymund wurde immer müder. Und doch konnte er kaum länger

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