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Revolte der Heiligen : Roman / Ernst Sommer
Entstehung
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eine

ACHTES KAPITETL⸗

Brigolas erste Tat war die Herausgabe einer neuen Arbeitsord- nung. Sie hatte den doppelten Umfang der alten. Nicht nur die Strafen wurden verschärft, auch die strafbaren Tathestände wur- den erweitert. Es galt künftighin als strafbar, wenn das Arbeits ergebnis der letzten Woche das der vorigen nicht übertraf. Neben dem einzelnen haftete die Gesamtheit. Alle hafteten für einen, mit jeder Stunde und mit jeder Regung ihres Lebens.

Geldstrafen wurden nicht durch Lohnabzug geleistet, sondern durch Mehrarbeit. Statt Feierabend zu machen, in der Werkstatt zurückzubleiben; statt die letzte Stunde Schlaf zu genießen, auf-

zuspringen und lange vor Tag in die Arbeit zu gehen: das waren Strafen, die sich verlohnten. Mußte man ja nicht bloß an Ort und Stelle sein, sondern auch noch die volle Leistung nach- weisen.

Schlimmer noch war, daß die Leistung Woche kür Woche höher sein mußte. Die Stoppuhr, von Schilling oft mißbraucht, ent- wickelte sich in Brigolas Händen zu einem vollkommenen Folter- instrument. Sie war eine Auslese aller Folterinstrumente: Rad, neunschwänzige Katze, Streckfolter, spanischer Stiefel in einem. Ihre Zeiger züchtigten, an ihr Zikferblatt wurde man geflochten, ihr Ticken vollzog unbarmherzige Geißelung, ihr Knacken stach wie spitze Klammern in das Fleisch.

Jeder Handgriff hatte seinen Zeittarif. Er prangte an der Wand, in Bruchteilen von Sekunden. Täglich schwebte die Stoppuhr

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