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Revolte der Heiligen : Roman / Ernst Sommer
Entstehung
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schaft und wartete offenbar, ob er weich würde. Schilling war

entschlossen, nicht weich zu werden.

Das Weitere geschah mit großer Geschwindigkeit. Schilling griff in seine Tasche. Nahe an die Bahre herantretend, hielt er seine ge- pallte Faust dicht über Gertruds Schläfe. Er sah sie und zögerte eine Sekunde lang. Dann sah man, wie er seinen Zeigefinger bewegte.

Eine Detonation ertönte, leiser, als man sich sonst Schüsse vor- zustellen pflegte. Schilling zog die Hand zurück. Wieder steckte er sie in seine Tasche.

Gertrud war in die Schläfe getroffen. Man sah, wie sie ausatmete. Ihr offener Mund schloß sich nicht mehr. Die Augen verloren den lebenden Ausdruck. Aus der neuen Wunde sickerten wenige Tropfen Blut.

Schilling, keinen Blick mehr auf die regungslose Gruppe werfend, die zu beiden Seiten der Bahre stand, ging mit raschen Schritten den Weg zurück.

Jan folgte ihm mit den Augen. Dann senkte er den Kopf. Nie- mand von den Anwesenden sprach.

Jan hatte die Empfindung, als hätte jemand ihn niedergeschlagen. Sein Schädel dröhnte.

plötzlich wurde eine Stimme laut. Sie gehörte dem kleinen vier- schrötigen Simon.

Was wollt ihr? sagte er halblaut.War er nicht gnädig zu unseresgleichen? Hat er Gertrud nicht den Gnadenschuß gegebenꝰ Kann man von seiner Allmacht mehr verlangen? Gepriesen sei Schilling, der gerechte Betriebsleiter!

Und Simon lachte. Sein Lachen klang dünn und gespenslisch. Niemand lachte mit ihm. Alle Anwesenden blieben stumm. Martha beugte sich über die Tote und schloß ihr Mund und Augen- Dann warf sie sich jammernd über die Bahre.

Gertruds Gesicht blickte erleichtert. Es haltte einen peinahe dank- paren Ausdruck angenommen. Sie hatte einen milden Tod gehabt. Konnte man Besseres verlangen? Wer durfte aufstehen und den Betriebsleiter anklagen?

Jan war der erste, der sich aufraffte und dieorderen beiden Griffe der Bahre hochhob. Zwei Frauen packten die beiden ande-

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