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Revolte der Heiligen : Roman / Ernst Sommer
Entstehung
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Die Zinnen waren mit steinernem Maßwerk geschmückt. Hoch über dem Eingang, geräumig und tief, befand sich eine prunkvolle Nische, offenbar gemacht, um die Statue des Erbauers des Turms aufzunehmen. Jonas kehrte dem Meuankömmling den Rücken. Sein Kopf, leicht gesenkt, preßßte sich einen Augenblick lang gegen einen der rie- sigen, rohbehauenen Steine. Seine Finger berührten die von Alter und der Witterung ausgewaschene gotische Verzierung. Die Lippen des Judenrats bewegten sich. Aber man hörte keine Stimme. Wahrscheinlich probte Jonas, was er drinnen seinem Nachbarn sagen mußte.

Wolf petrachtete unterdessen den Turm. In der Schwedenzeit hatte man eine eiserne Mörserkugel zwischen die Steine ein- gebettet. Weiter oben grinste ein rohbehauener Kopf᷑ aus Porphyr, mit langem, geteiltem tatarischem Bart und wild nach unten star- renden Augen. Dieser Kopf mußte zumindest ein halbes tausend Jahre alt sein. Aber sein Gesichtsausdruck erinnerte an die heu- tigen Henker.

Die lukenartigen Turmfenster waren mit Breitern verschalt. Es gab ein Fenster zur ebenen Erde, ein zweites in der Höhe des ersten Stockes. Vor der höher gelegenen Luke war Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Sie schaukelte heftig an ihrem Strick, viel- karbig, beinahe heiter. Ihre Lebendigkeit milderte ein wenig die barbarische Strenge des Turms.

Jonas stand in sich verkrochen. Sein weiter Mantel stand ihm überall ab. Trotz der warmen J ahreszeit hatte er ein blaues Tuch um seinen Hals gebunden, ein glühendes Blau, das Wolf an süd- liche Himmel gemahnte. Die Schuhe des Judenrats waren kunst- los geflickt. Er stand in ihnen, als wären sie eine Art Folter- instrument.

Jonas blickte Wolf bõse an. Er schien sich über das unbeteiligte Aussehen des Fremden zu wundern. Wie kam es, daß sein Gesicht nichts als kühle Neugier auszudrücken schiend?

Plötzlich schien der Judenrat zu einem Entschlußß gekommen zu sein. Er stieſ Wolf an, zeigte auf die halbvermorschte Tür und stieß sie mit seinen schmalen, hageren Händen auf.

Komml! sagte er befehlend.In Gottes Namen!

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Im B verk unte