gemauert. Vor dem die Verbindung mit dem Schloß herstellenden
Tor steht ein bewaffneter Wächter.
Die Christenstadt trägt manches Zeichen vergangenen Glanzes. Ein hoher Glockenturm beherrscht den Ringplatz. Mehrere Adels- paläste stehen nebeneinander, mit breiten geschmückten Pforten und marmornen Fackelhaltern. Ihr vornehmstes ist eine Ruine.
Aber selbst seine Trümmer strahlen Glanz aus. Die scheibenlosen Fenster gewähren Finblicke in holzvertäfelte Räume mit bemalten Decken.
Die Hauptkirche ist reich geschmückt. Die neiita von Künstlern entworfen. Der Verfall hat nicht alle Teile der Stadt erfaßt. Manche Häuser wurden wie durch ein Wunder ver- schont, so das von den Standbildern der vier Evangelisten um- gebene Gericht auf dem Markt. Noch kann man über seinem Tor die Marmorplatte sehen, in die die nackte Justitia eingemeißelt ist, Waage und Schwert vor sich hinhaltend. Aber niemand spricht Recht im Gericht. Weder Richter noch Anwälte beleben den Korridor. Auch das wuchtige Gefängnis ist leer. Kein Laut dringt aus den Zellen. Ebenso leer sind die meisten Häuser der Stadt. Viele Einwohner wurden Opfer des Bombardements, andere wur- den weggeführt oder sind geflohen und endeten irgendwo auf der sinnlos gewordenen Flucht. Von den zwanzigtausend Ein- wohnern der Christenstadt sind kaum mehr dreitausend vorhan- den. Zum Teil sind sie auf benachbarten Gütern beschäftigt, zum Teil dienen sie der deutschen Rüstungsindustrie. Selten öffnet sich bei Tag ein Tor, selten bewegen sich die Vorhänge hinter den Scheiben. Wer das Glück genießt, in seinem Hause wohnen zu dürfen, lebt hinter dreifach verriegelten Türen. Niemals geht er bei Tageslicht aus. Er verbirgt sich zwischen seinen Dingen und erlaubt der Außenwelt nicht, zu ihm zu kommen. Hundertmal unfrei, von grausamen Gesetzen bedrängt, den Herren des Landes auf Gnade und Ungnade preisgegeben, besitzt er dennoch ein ge- wisses Maß von Freiheit.
Anders ist es um die Judenstadt bestellt. In den Zeiten ihres Wohl- standes faßte sie niemals mehr als tausend Köpfe. Heute, da sie zerstört ist, wohnen in ihr an die fünfhundert Menschen. Keiner
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