Ich trat in unser Zimmer, drehte das Licht an. Es gab mir einen Stich. Bis zum letzten Augenblick hatte ich- gegen alle Logik, gegen alles bessere Wissen— erwar- tet, Klobocznik und Sadowski doch noch hier vorzufinden. Aber ihre Betten waren schon abgezogen, ihre Namens- schilder entfernt, ihre Nachttische leer.
Ein dunkler Fleck an der Wand, von Sadowskis Haar- pomade herrũhrend, erinnerte noch an den Magdeburger , der dort bei unzähligen Kartenpartien seinen Kopf ange- lehnt hatte,, um über ein Ssaumãßiges Blatt' nachzudenken. Auf dem Boden lag Kloboczniks harfenförmiger Spiegel mit dem abgeblätterten rosa EHmaillerahmen. Ein Spin- nennetz von Sprüngen überzog das Glas. Vermutlich war jemand darauf getreten. Wieviele verschiedene Gesichter Kloboczniks hatte dieser Spiegel geschen: schlaue und sie- gesgewisse, ängstliche und enttäuschte, und vielleicht auch das letzte, entsetzte, beim Abgeholtwerden.
Ich schaute weg. Aber der Spiegel blieb vor meinen Au- gen. In seiner zersprungenen Scheibe spiegelte sich jetzt nicht nur Klobocznik. Hinter ihm tauchte ein ganzer Zug auf. Da waren Lutz und Kurt, der eine im Kampf mit rus- sischen Partisanen gefallen, der andere beim Verhör von Kriegsgefangenen erschlagen. Und Unteroffizier Klahde, den eine tschechische Zeithombe erledigt hatte. Dann Seelke in seiner Selbstmörderschlinge, Chabrun mit dem bluti- gen Notizbuch, Marofke verhaftet und verschollen, Effi von der Krankheit zerstört. Und Lidka, fast unkenntlich, ein flüchtiger Schatten. Ganz zum Schluß Barbara und Maurer.
Mit einem Schlage wurde mir bewußt, daß sie sich alle auf die eine oder andere Weise— von mir entfernt hatten; daß ich allein, mehr als allein: daß ich verlassen war; und daß nun die Reihe an mich kam.
Die Reihe an mich.. Wofür? Wozu? Hier bockten meine Gedanken, prallten zurück, begannen sich?u verwirren.
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