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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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wieder das Loreleilied singen, diesmal mit dem neuen Text, den er vom Urlaub mitgebracht hatte: Wir leben in gro- Ben Zeiten, doch klein ist unser Gewinn..

Eine Weile spãter lagen Chabrun und ich im Gras neben der Bahnböschung. Der Rauch eines niedrigen Kartoffel- feuers beizte die Luft. Es war still. Vom Zug her kamen nur vereinzelte, halb gedämpfte Geräusche: ein Hammer- schlag, ein metallisches Knirschen, oder das Grunzen eines durstigen Schweines. Die Sonne war im Untergehen. Ein leichter Wind trieb Schwärme von weißen Wolken über den blassen Nachsommerhimmel; man konnte an Gänse denken, die abends über den Porfteich schwimmen.

Chabrun zupfte langsam ein Blatt nach dem andern von einer verspãteten Kamillenblũte.«Nein, mein Lieberv Sagte er schr bestimmt, awas in diesem Maurer rumort, hat mit dem einfachen Die- Nase pläng-haben nur nebenbei zu tun. Maurer ist kein in die Uniform gesteckter Zivilist, dem ei- nes Tages alles über wird und der nur einen Gedanken kennt: raus aus dem Feldgrau und zu Muttern, vergessen, saufen, fressen und schlafen. v Chabrun zerrieb den Blüten- rest zwischen seinen Fingern und sog mit Behagen den Duft ein.«Nein, verlaß dich drauf, in diesem Maurer gärt ganz was anderes. v

¶Ja, was denn ꝰv

Aut᷑ diese Frage gab Chabrun keine Antwort. Aber ich drang nicht weiter in ihn. Mich umfing mit einemmal eine seltsame traumwandlerische Stimmung einschläfernd, schnsüchtig und beunruhigend zu gleicher Zeit.

So liegen bleiben kõnnen, dachte ich(oder nein, es war nicht so schr Denken wie vielmehr Dahindriften auf Wün- schen und Gefühlen), so liegen bleiben können, lange, im- merzu, nichts tun, nur atmen, in den verblassenden Him- mel starren, leben, einfach leben, nichts zu schaffen haben mit einem Zugsbegleitkommando, mit dem Kommiß über-

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