langte, war der Gesuchte schon wieder weitergeeilt. Die Frau im blauen Arbeitskittel, von der ich diese Auskunft erhielt, trug eben Eimer und Besen aus dem Wagen. Eine zweite wischte noch über die vielfach geflickten Fenster- Scheiben. Sie blickte nicht auf, als ich an ihr vorũberkam. Auch ich schenkte ihr keine weitere Beachtung.
Schon wollte ich das Abteil verlassen, da wurde meine Aufmerksamkeit durch einen Fleck an der Wand erregt. Ich trat näher und bemerkte, daß in das Holz ein paar tschechische Worte eingeritzt waren. Nur mit Mühe ent- zifferte ich die krummen, unbeholfenen Schriftzeichen. Ich verstand nicht alles, aber der allgemeine Sinn war mir klar. Die Worte besagten etwa: Wir Tschechen waren und wer- den sein. Alle von uns könnt ihr ja doch nicht fertig ma- chen. Und nur der letzte Sieg gilt. v
Als ich mich umwandte, trafen sich meine Blicke mit denen der Frau am Fenster. Jetzt erst Sah ich, daß sie schr jung war, wohl kaum ãlter als Sechzchn Jahre. Fine dunkel- plonde Strãhne kam unter dem Kopftuch hervor; die Wan- gen waren schmal, die Augen schr hell und schon etwas můüde- ein Prager Arbeitermãdel wie tausend andere.
Ihre Augen verdunkelten sich und ihre Lippen begannen zu zittern. Trotzdem schien sie ganz ruhig, als sie auf die Schrift an der Wand zeigte und leise sagte: Das haben Geiseln geschrieben. Unsere Leute. Für euch. v Sie schwieg; mir schien, als sei sie ũber ihre eigenen Worte erschrocken, doch ein innerer Zwang trieb sie wohl zum Weiterspre- chen. Was habt ihr aus unserem Land gemacht? Nicht einmal der Himmel ist mehr so blau wie früher.v Sie schluchzte auf, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Wa- rum verhaften Sie mich nicht ꝰ rief sie nach einer Weile.
Ich winkte ihr, zu gehen. Sie zögerte ungläubig, nahm dann ihr Putzzeug und verließ den Waggon. Abscheu und tõdliche Feindschaft strahlten von ihr aus— so stark, daß ich sie kõrperlich empfand.
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