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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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um sonst ereiferte sich Chabrun, als ich ihn einmal wãhrend der Wachebereitschaft über ein Medaillon mit dem Bild

des landflũchtigen hugenottischen Chevaliers de Chabrun, eines bärtigen Mannes in Federbarett und Harnisch, ge- beugt fand: Zum Teufel nochmal, Holler, wo ist nur das Erbe unserer verehrten Herren Vorfahren hingekommen? Ich meine nicht die Schlõsser in der Champagne, sondern das andere, das sogenannte Seelische. Uns ist weder ihre Weisheit geblieben, noch ihr inneres Gleichgewicht, noch ihr aufständischer Trotz. Nichts von all dem. Wir haben bloß Unruhe und ein bestãndiges schlechtes Gewissen und das Verlangen, es soll alles beim alten pleiben, solange wir noch herumkrauchen. Ach, mein Freund, wie weit entfernt sind wir von dem Hõlderlinschen Das gibt erst dem Men- schen seine Jugend, daß er seine Fesseln kühn zerreißt; das erst rettet ihn, daß er sich aufmacht und die Natter zertritt, das kriechende Jahrhundert, das alle schöne Natur im Keim vergiftet'. Inzwischen kriechen wir selber wie die Nattern. v

Er blinzelte mich unter dem schweren Augenlid prüfend an und fuhr, plötzlich den spöttischen Ton aufgebend, ernst, beinahe schwermütig fort: aIch muß immer an die Ringelspieljungen in Neu-Ruppin denken. Ich war dort als Schüler, in den Osterferien, bei meiner Tante und meinem Vetter Isko. Das Ringelspiel gehörte irgendeinem unter- nehmenden Kleinstädter, der anstelle eines Pferdes oder Motors ein paar Kãtnerjungen als Triebkraft benutzte. Die Jungen hatten auch das Kassieren zu besorgen. Sie liefen immerzu im Kreise, sprangen auf die wirbelnde Scheibe, Setzten über die leeren Pferdchen hinweg, ganz sicher, ohne jemals schwindlig zu werden. Nur wenn das Ringelspiel hielt, und sie die ersten Schritte geradeaus auf festem Bo- den machen sollten, gerieten sie ins Straucheln und fielen nicht selten auf die Nase.v

Chabrun schwieg. Dann schloß er, wieder in seinem iro-

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