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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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nischen Ton:«Und die Moral von der Geschicht?- meide den festen Boden und sieh zu, daß dein Kopf nicht auf- hört, sich zu drehen, sonst schlägst du lang hin und be- schãdigst dir deine Nase, wenn nicht gar edlere Teile deiner werten Person.v

Ja, so war es. Wir wollten nicht aus unserem Dreh- und Schwindelzustand hinaus. Die Hamletworte vom Verges- sen, die auf meinen Bruder Gerhard einen so tiefen Ein- druck gemacht hatten, sie hätten auf unser Tun und Wol- len gemünzt sein kõnnen.

So stürmisch war unser Verlangen nach der Umarmung mit dem Stumpfsinn; so stark war der Griff, mit dem er uns an sich zog, daß ich die Spuren davon auch heute noch fühle, wenn ich darangehe, die Vorgänge aus jener Prager Zeit wieder wachzurufen. Wie anders wãre es mir gelungen, die nãchtliche Erschießungsszene, an der ich teilgenommen, so vollständig aus meinem Gedächtnis zu verdrängen? Wie anders ließe sich's erklären, daß ich im Laufe meiner Geschichte nur die ersten zwei oder drei Himmelffahrts- kommandos erwähnt habe, an denen sich Klobocznik, Dietz und Seelke beteiligten, nicht aber die vielen folgen- den? Es ist wahr, die Teilnehmer machten mit der Zeit im- mer weniger Wesens von diesen Unternehmungen; ja sie unterließen es schlicßlich ganz, darũber zu sprechen. Un- auffällig verschwanden sie, unauffällig kehrten sie zu- rũck es fiel mir nicht schwer, wenig oder gar nichts da- von zur Kenntnis zu nehmen. Aber es war doch vor allem mein eigener Wunsch, von dem dũsteren Geschäft der Himmelfahrtskommandos nichts zu sehen, nichts zu- ren und nichts zu wissen, es war dieser Wunsch, der ihre Existenz einfach aus meinem Bewußtsein tilgte, und es ist dieser Wunsch von damals, der bis in das Heute hinein- greift und die Beobachtungen wegwischt von der Tafel der Brinnerung.

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