Familieninstinkt. Oder hab ich mich so sehr verändert, seit- dem wir uns zuletzt geschen haben?»
Es war Gerhard, mein ältester Bruder.
Wir hatten uns nie schr nahegestanden. Der Alters- unterschied war zu groß; auch hielt er sich immer zu Lutz, der nur um ein Jahr jünger war, während ich zu den Klei- nen, zu Kurt und Barbara, gchörte und mit ihnen aufwuchs.
Gerhard hatte von uns allen die härteste Jugend. Er wollte Bauingenieur werden, aber er konnte nicht zu Ende studieren, weil die Exportfirma unseres Vormunds gerade damals in Schwierigkeiten geriet. Gerhard brachte sich nachher als Bauzeichner, Reisender für Ziegeleien, Turn- lehrer und Kollektor von Abschlagszahlungen fort. Zwi- schendurch war er viele Monate lang erwerbslos, lebte von Gelegenheitsarbeiten oder lag Kameraden auf der Tasche.
Seit ich denken konnte, steckte Gerhard, wenn immer es ihm möglich war, in irgendeiner Uniform: in Pfadfin- der- oder Turnertracht, später in der Ordnerkluft mit Windjacke und Bãrenstiefeln, noch spãter im Braunhemd der SA. und schließlich in Feldgrau.
Nach seiner schweren Verwundung vor Antwerpen , zu Anfang des Krieges, sah es beinahe so aus, als würde Ger- hard(mit den Leutnants-Achselstücken als Vergoldung) nach Haus geschickt werden. Aber es gelang ihm, bei der Truppe zu bleiben. Für einige Zeit bildete er in einer Hin- terlandsgarnison Rekruten aus, schließlich wurde seinem Gesuch um Versetzung an die Front stattgegeben; er kam zu einer Pak-Batterie in Finnland .
Dort vermutete ich ihn auch jetzt, da er so unerwartet vor mir stand. Auf den ersten Blick erschien er mir nur etwas hagerer, als ich ihn vor unserem letzten Zusammen- treffen in R..., knapp vor meinem Abgang zur Balkan- front, in Erinnerung hatte. Bei näherem Zuschen gewahrte ich freilich, daß mit seinem langen knochigen Gesicht eine
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