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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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lager schickteꝰ Ich selbst hatte es gar nicht so eilig. Aber wie ich erst mal drin war, war ich eben drin. Und ich kann dir sagen, in so einem Lager lernt man allerhand. Zum Beispiel, daß deutsche Mädchen von den Männern kein langes Hofieren erwarten dürfen, weil Männer heute an- deres zu tun haben. Ja. Und daß es so was wie Furcht vor gesunder Frotik einfach nicht gibt. Wir hatten da eine Scharführerin, die predigte immer:Man steht auch mit seinem Frauentum im Dienst von Volk und Rasse; falsche Scham und intellektuelle Verhemmungen sind genau sol- che Verbrechen wie Feigheit oder Ungchorsam'. Und da gab es nahebei ein Hitlerjungen-Lager. Wir sahen die Jungen oft, flickten ihre Strümpfe, waren abends beisam- men bei Tanz und Lied. Und natürlich wurden von den fünfig Mãdchen einunddreißig schwanger.»

Und du selbst?v fragte ich.

Effi ging darüber hinweg. Wie kann man sich dann wundern? Und überhaupt, wer weiß, wie lange es noch einen Sinn hat...v Sie brach ab.

Wie meinst du das wiederꝰv

Statt einer Antwort zog Effi den Kopf zwischen die Schultern. Dann, nach einem längeren Schweigen, brach es aus ihr heraus: vJa, wie lange wird es denn noch Männer für uns geben? Ich meine, junge Männer mit gesunden Gliedern. Die Kriegsgefangenen und die Fremden, die jetzt bei uns arbeiten, kommen sowieso nicht in Frage. Und wieviele von euch sind noch da? Wieviele werden in einem Jahr noch da sein? Und was, wenn dieser Krieg fünf᷑ oder zchn Jahre weiterdauert? Sie schreiben doch jetzt immer davon, daß er so lange dauern kann. Oh, Hans, ich habe Angst, hörst du? Ich will nicht allein bleiben. Ich kann nicht.» Effi fing an, wild und hemmungslos zu schluchzen.

Ich nahm sie in meine Arme. Nur langsam wurden die Stõße ihres Schluchzens schwächer.

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