einen Zeitungsausschnitt und ihr Pincenez zutage, und schickte sich an, uns den Reisebericht von Frau Scholze- Klinck vorzulesen,— da erschallte die Hausglocke.
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Effi, die auf den Flur hinausgelaufen war, rief ins Zim- mer zurück:«Besuch! Frau Zeckendörffer l
Gleich darauf erschien die Angekündigte. Es war die Frau meines ehemaligen Lehrers Zeckendörffer-Zemlitsch- ka, eine füllige Matrone in himmelblauem Dirndlkleid. Breithüftig, von gewaltigen Rundungen und blondem Haar, das sie auf Walkürenart hochgesteckt trug, nahm sie sich aus wie eine in Ruhestand getretene Wagnersängerin aus der Provinz. Ihre deklamatorische Sprechweise und die getragenen Gesten verstärkten noch diesen Eindruck.
Frau Zeckendõrffer war gekommen, um sich von Onkel Helmut eine Anweisung auf Nadeln und Zwirn geben zu lassen. Die Kriegsopferfürsorge hatte eine Zuteilung von Nãhbedarf erhalten, den man im Handel nicht mehr bekom- men konnte, und Frau Zeckendörffer, die gerade für zwei heiratsfãhige Töchter Aussteuern anfertigen ließ, war von ihrer Freundin Resi sofort auf diese Gelegenheit, sich mit einem so raren Material einzudecken, aufmerksam gemacht worden. Resi hatte auch schon alles Nõtige mit Onkel Hel- mut besprochen: die Anweisung lag, fertig ausgestellt und unterschrieben, beim Materialverwalter der Kriegsopfer- fürsorge; Frau Zeckendõrffer brauchte sich bloß hinzube- mühen, um die ihr genchme Auswahl zu treffen.
Tja, bei uns geht alles wie auf dem Exerzierplatz, hohov, rũhmte sich Onkel Helmut. ¶Organisation ist eben der halbe Erfolg! Sie haben natürlich die erste Wahl, Frau Hil- degard.v Und dann erkundigte er sich diskret, wann die Bezirksleitung der Partei wieder eine Sendung Beutewein
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