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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
Seite
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Auf dem Bahnsteig wurde ich von Onkel Helmut und Effi empfangen.

Bei meinen letzten Besuchen in R... hatte ich Annelie- ses jüngste Schwester nicht geschen; sie war damals in ei- nem der Schulungslager für die Jugend der neu einverleib- ten Reichsgebiete. So kam es, daß ich Effi als hochaufge- Schossene, sicher nicht mehr unschuldige, aber nochdurch- aus unfertige Sechzehnjährige in Erinnerung hatte, als Back- fisch in Wanderkluft und Haferlschuhen, blondbezopft, mit viel zu langen Armen und Beinen, die immerzu herum- Schlenkerten. Jetzt hingegen stand ein vollendetes Frãulein in einer für R... beinahe übereleganten Aufmachung vor mir, schlank, aber mit frauenhaften Schultern und einem kecken Busen, und von außerordentlich selbstsicheren Be- wegungen. Das Haar, früher strähnig und weißblond wie das Annelieses, war nun locker gewellt und hatte einen Stich ins Kupferfarbene. Effi trug es hochaufgesteckt; da- durch wirkte das Gesicht länglicher und zarter, und in dem zarteren Oval kamen wiederum die Augen mehr zur Gel- tung. Es waren üũbrigens, wie mir jetzt erst auffiel, die glei- chen grauen Augen, die auch Anneliese hatte, nur um eine Nuance weicher und verträumter, doch das mochte eine bloße Folge der spärlichen Beleuchtung sein, und wahr- scheinlich konnten auch Effis Augen, genau so wie die ih- rer Schwester, eine Weile in märchenhafter Verträumtheit schwimmen und dann mit einem Schlag kalt werden wie eine Gasrechnung. Dessen ungeachtet(ja, trotz aller Ahn- lichkeit mit Anneliese) fand ich, daß Effi von einer verwir- renden Fremdartigkeit war, von einer anzichenden Fremd- artigkeit.

Für den Bruchteil einer Sekunde wußte ich nicht recht, wie ich mich bei der Begrũßung verhalten sollte. Effi merkte meine Hemmung und kniff die Augen zu. Es lagen leichte

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