(Nein Volksgenosse, ein Irrtum ist ausgeschlossen. Ich habe genau aufgepaßt. Das haben wir doch beim Volks- meldedienst gelernt. Es waren klar staatsfeindliche Auße- rungen.v
Damit kam ich auf.
Im ersten Augenblick fand ich mich nicht zurecht. Alles erschien mir verãndert. Die Lampen prannten schon, und man konnte nicht mehr zum Fenster hinausschauen, weil der Verdunkelungsvorhang herunterhing. Das Abteil war noch immer überfüllt, doch bemerkte ich viele neue Ge- sichter. Von den alten Passagieren waren, soviel ich sah, nur noch die zwei Frauen in Grün dageblieben und der hinter seinem Wettermantel versteckte Mann mit dem
immer noch zittrig klopfenden Stock.
In der Abteiltũre stand der Zugführer, ein weißhaariger Mann in einer viel zu weiten Uniform,— zweifellos einer jener lãngst pensionierten Beamten, die jetzt wieder einge- stellt wurden, um Ersatz für die Front freizumachen. Er fingerte an seinem Dienstbuch herum und hörte mit sicht- licher Uberwindung einer Halbwüchsigen von etwa sech- zchn Jahren zu, die breitbeinig in dem kleinen Gang zwi- schen den Bãnken stand. Sie trug die braune Kletterweste des Bundes Deutscher Mädel und hatte jenen verkniffenen Mund, wie man ihn jetzt so hãufig bei der Hitlerjugend fin- det.
Nein, ein Irrtum ist ausgeschlossen, ich habe genau auf ihre Worte geachtetꝰ, wiederholte sie und maß dabei die ältere der beiden Frauen.
Was will sie dv fragte die Alte ihre Tochter.
Diese antwortete nicht, sondern wandte sich mit einem hilfesuchenden Ausdruck an den Zugführer: Meine Mut- ter hört schlecht. Sie ist taub auf einem Ohr und... v
Das Mãdchen in der Kletterweste unterbrach sie: Wenn man auf einem Ohr taub ist, muß man noch lange keine
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