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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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Ich bemühte mich, nicht zuzuschauen, aber ich sah alles die zerrissenen borstigen Körperchen und die her- vorquellenden Tropfen. Ubergenau sah ich alles, durch die Hand hindurch, die ich mir vor die Augen hielt.

Anneliese wußte das natürlich. Sie lachte auf ihre schnippische Weise und rief mir zu: Du glaubst wohl, du wirst nicht gestochen, weil du nicht mitgemacht hast? Ja, Schnecken! Du bist dabeigewesen, das genügt, eetsch eetsch!»

Sie Sprang auf, lief davon, den Hang hinunter. Ich sofort hinterher, doch da war sie schon weit, und als sie sich nach mir umblickte, hatte sie bäuerliche Züge, dichtes braunes Haar und etwas verschleierte Augen, lustige Au- gen mit einem Schimmer von Traum und Melancholie. Lidkav, schrie ich, cLidka, warte! Laß mich nicht allein.v Aber mein Ruf erreichte sie nicht. Auch lief ich nicht mehr hinter ihr her; ich rannte vor etwas davon vor einer Armee ungeheurer Hummeln, die sich auf mich stürzen wollten.

In wilder Hast sprang ich vorwärts, doch meine Füße sanken bei jedem Sprung in den Boden ein wie in einen zähen Teig: zuerst bis zu den Knöcheln, dann bis zu den Waden, schließlich bis zu den Knien... während Lidka, nein, nun war es wieder Anneliese, über den tückischen Sumpfboden dahintänzelte, als habe sie kein Gewicht. Warte lv schrie ich wieder und nahm nochmals alle Kraft zu einem Sprung zusammen. Es war der letzte. Ich ver- sank bis zu den Hüften und kam nicht mehr los, so ver- zweifelt ich mich auch anstrengte. Der Sumpf zog mich tiefer und tiefer; meine Krãfte schwanden, mein Wille er- lahmte. Die Hummeln brausten in dunklen Geschwadern heran; ihre riesigen Stacheln waren alle auf mich gerichtet. Ich duckte mich. Da setzte mit einem Schlage das Brausen aus, und in die plötzlich entstandene Leere sagte eine Sprõde Mãdchenstimme, die ich noch nie gehört hatte:

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