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Bei jenem ersten Mal, aber auch noch lange Zeit nachher wußte ich es mir nicht zu erklären, warum Soldaten eines gewöhnlichen Truppenteils, wie es unser Wach- und Si- cherheitsbataillon war, aufgefordert wurden, sich zur Teil- nahme an Erschießungen zu melden. Was sollten über- haupt diese Himmelfahrtskommandos so weit hinter der Front? Und gab es für solche Aufgaben nicht genug S8.— Verbãnde zur besonderen Verwendung?
Erst viel später lernte ich begreifen, daß dahinter der wohlerwogene, kühl und mit aller Gründlichkeit Zur Aus- führung gebrachte Plan steckte, jeden Soldaten, jeden Deutschen mit hineinzuziehen in den Kreis des Verbre- chens, der wie ein verwunschener Reifen die Anstifter, die Mittãter und die Mitwisser zusammenhält und von der üh- rigen Welt abspertt.
Und wir ließen uns alle hineinzichen. Die einen willig und wie benebelt von einem giftigen Fusel.(Dietz gehörte zu diesen; ich höre ihn noch schmettern:«Nichts schmeckt so sůß wie die Macht über Leben und Tod, und wer sonst als die Herrenrasse soll sich einen solchen Genuß leisten 2*) Die andern wieder aus bloßer Angst vor einer Abkomman- dierung zur Front. Die dritten(war nicht ich auch einer von ihnen?), weil das Nicht-Mittun einen Entschluß erfor- dert hätte, und weil ein Entschluß ihnen schwerer fiel als das Tun. Die vierten, die Kloboczniks, aus Stumpfheit, oder vielleicht auch bloß wegen der Extra-Ration Schnaps, die es dabei gab, und weil nach ihrer Meinung das Leben Sowieso keinen Hundeschwanz wert war und man entwe- der die andern in die Pfanne hauen mußte, oder selbst fri- kassiert wurde. Und die fünften aus jener Seelkeschen..., aus jener deutschen Ordnungsliebe, von der ich einmal je- mand Sagen hörte, daß sie nur der ãußere Mantel ist für eine tiefe innere Unordnung.
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