gen. War sic's nicht doch? Da kreuzte sie die Straße und ich bekam nochmals ihr Profil zu schen. Es war fremd. Und fremd war auch alles rundum: jeder Mensch, jedes Haus. Ja, die Stadt hatte wieder jenes fremde Gesicht an, das mich schon am Tage meiner Ankunft verwirrt hatte, ohne daß ich imstande gewesen war, es in seiner Ver- ãnderung zu deuten. Heute sah ich klarer. Ich begriff, es war ein Traumgesicht, das ich da vor mir hatte,— oder nein, ein Winterschlãfergesicht, entrückt und undurch- dringlich.
Ich trat in eines der kleinen Cafes ein. Der winklige Raum war von Lãrm und Bewegung erfüllt wie ein Bienen- korb. Ich sah mich nach einem freien Tisch um und ent- deckte einen in der gegenüberliegenden Ecke. Während ich auf᷑ ihn zuschritt, merkte ich, daß die Gesprãche rechts und links verstummten oder zum Flüstern hinabsanken. Ich setzte mich. Die Gesellschaft am Nachpartisch prach auf; die Stühle blieben leer. Die Gäste am übernächsten Tisch steckten ihre Köpfe in Zeitungen. Das Gemurmel der Gesprãche wurde noch leiser. Ein Glas fiel irgendwo zu Boden und zerbrach mit einem schrillen Klang. Jemand seufate erschreckt auf, verstummte jedoch sofort. Es war jett võllig still, bedrũckend still in dem menschenerfüllten Raum. Mir kam ein vergessener Vorfall aus meiner Kind- heit ins Gedächtnis zuräck. Ich hatte mich einmal mit meinem Bruder Kurt und noch einem Jungen in der Heide verlaufen. Ein Gewitter 20g herauf. Wir begannen zu singen, um uns Mut zu machen, aber mit einemmal konnte keiner von uns einen Ton mehr hervorbringen. Das glei- che würgende Gefühl wie damals saß mir jetzt in der Kchle. Ich stand mit einem Ruck auf und schob meinen Stuhl polternd zurũck. Als daraufhin einige der Gãste zu- sammenfuhren, gab mir das eine verworrene Befriedigung. Ich warf ein paar Münzen auf die steinerne Tischplatte und ging. Meine Schritte hallten laut wie in einem Gewölbe.
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