erhört, daß Dietz bei ihm andere als nur die dauerhaftesten Seitensprünge vermutete.
Nachher, als Dietz ausgestiegen war, erzählte mir Seelke, daß er Anschluß an eine Witwe gefunden habe, eine mol- lige Sãchsin, die in der Kantine des Reichs Sondergerichts arbeite und als nahrhaften Zeitvertreib die Zucht einer be- sonderen Kaninchensorte betreibe, deren Fleisch, in Essig eingelegt, ganz so schmecke wie Reh auf sauer. Seelke be- schrieb die Zartheit des falschen Rehbratens in allen Hin- zelheiten. Er geriet dabei in Hitze. Zum Schluß lud er mich sogar ein, zu seiner sächsischen Witwe mitzukom- men. Als ich jedoch dankend ablehnte, drang er nicht wei- ter in mich, sondern empfahl sich eilig, als fürchte er, daß ich es mir doch noch anders überlegen könnte.
Es war ein Samstagnachmittag und schon Mai. Die Sonne schien warm. Die Frauen trugen helle Kleider und Strohhüte. In den Gassen der Altstadt wimmelte es von Kindern, die Fangen spielten oder über Springschnüre hüpften. Aus den Höfen kam das langgezogene Gedudel der Leierkãsten:
Auf der Prager Brücke sprießen Kleine Rosmarin...
Das Herz z0g sich ganz leicht zusammen, wuchs dann in Erwartung, und jetzt, dort, hinter der nächsten Ecke tauchte wirklich eine vertraute Gestalt auf: schlank und dabei kräftig, mit dem an ländliche Weite und Ungebun- denheit gewöhnten Gang. Sogar ein Hut, ganz ähnlich dem frũheren mit den gelben Anemonen, war da; er ver- deckte noch das Gesicht; aber nun hob sich die Krempe... ich grüßte verwirrt... doch es war ein fremdes Gesicht, das mir erstaunt und ablehnend entgegenblickte.
Es gab mir einen Schock. Ich stand und starrte der Frau nach. Sie hatte Lidkas Nacken, Lidkas Schulterbewegun-
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