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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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Aber dafür war es zu spät. Die Aussprache mit seiner Frau habe bereits stattgefunden, erklärte der Betörte, jetzt vor zwei Stunden, in seinem Bureau. Er vermöge das Zusammenleben mit ihr nicht mehr aus­zuhalten, hier gebe es keine Wahl.

Es folgten qualvolle Tage. Die Frau, ein wenig schönes und schwaches Geschöpf, flehte Ruth an, von ihrem Gatten abzulassen. Sie war überzeugt, daß jedes weibliche Auge ihn begehren müsse, und daß es nur an einem Entschluß des Mädchens liege, ihr Eheglück wieder herzustellen. Ihren Beteuerungen glaubte sie nicht.

Ruth verließ dieses zweite Heim in Verzweiflung. Sie war gezeichnet, jeder Schritt, den sie tat, brachte sie und andere in's Unglück. Warf sie sich denn nicht unablässig jene einzige Erholungsreise vor, die sie als erwachsener Mensch unternommen: ohne die hätte der Vater gewiß noch gelebt. Jetzt gab sie sich auf. Widerstand war doch nutzlos.

Nach dem doppelten Fehlschlag hatte sie nicht mehr den Mut, das Comité um Empfehlung zu bitten. Mehrmals wechselte sie die Unterkunft, überall war es zu teuer, und sie fand schließlich ein Obdach in einem abbruchreifen Hause, bei einer halbtauben Frau, der da provisorisch ein paar Zimmer belassen waren. Es kostete hier fast nichts. Sie lebte vom Ver­kauf ihrer letzten Gegenstände und von gelegent­lichen Übersetzungen für eine populäre Encyklopä­die, die elend bezahlt wurden. So kam es, daß auch

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