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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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zeigten Verständnis. Man verschaffte ihr eine Existenz bei einem kinderlosen Ehepaar einem gut angli­

kanischen diesmal- eine nicht recht definierte Stel­lung zwischen Hausmädchen und Gesellschafterin. Sehr bald war von den Hausmädchenpflichten nichts übrig. Der Mann, ein beschäftigter Anwalt, hatte reichlich gesellschaftlichen Verkehr zu pflegen, und seine Frau fand sich darin durch Ruth auf das Ange­nehmste entlastet.

Aber diesmal kam das Unheil von andrer Seite. Der Mann faßte eine leidenschaftliche Neigung zu der jungen, schönen Person, die da unversehens in seinen Umkreis getreten war. Es kam kein Übergriff vor, er benahm sich im Gegenteil zurückhaltend und sogar scheu, bis er eines Tages zu ungewohnter Zeit aus seiner Kanzlei nach Hause kam und ihr mit seltsam unbeholfenen Worten seine Liebe und seine Hand antrug. Er werde kein Ungemach, keine soziale Ein­busse, auch kein Geldopfer scheuen, um seine Schei­dung durchzusetzen.

Ruth war auf das Peinlichste erstaunt. In seiner Haltung hatte sie eher Antipathie zu spüren geglaubt. Einen Augenblick hatte sie mit einem nervösen Lachen zu kämpfen. Dann aber versuchte sie alles, um ihn von dieser Laune, wie sie es nannte, abzubringen. Seine vertrauende Frau so aus allen Himmeln zu stürzen, sei ganz undenkbar, nie dürfe sie auch nur erfahren, was ihm da durch den Sinn oder eher durch die Sinne gegangen sei.

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