Es ging gegen Mitternacht, als Ludwig und Steiger im dunklen Zug das Parlamentshaus erreichten, und die zwölf Rufe der Kolossaluhr über ihnen waren verhallt, ehe sie in den Palasthof einrückten. Dann also tat sich Westminster- Hall vor ihnen auf.
Jedem aus den Hunderttausenden, die seit Tagen und Nächten hier ein- und vorbeizogen, griff unweigerlich die gleiche Empfindung an das Herz: dies ist einmalig, ich werde es mein Lebtag nicht ver
gessen.
Die ungeheure Halle, eine Landschaft mehr als ein Raum, war durch starke Lampen erleuchtet. Aber so hoch hinauf wölbte sich ihr stüzenlos freischwebendes Dach, daß das Holzwerk dort sich in mystische Schatten verlor und unsicher blieb, wo nach oben ein Ende war. Schickte man hienieden den Blick das kaum abmeßbare Rechteck entlang, so schien im Hintergrund eine Treppe aufzusteigen, und darüber schimmerte in düster farbigen Reflexen ein einziges Fenster, wie der Ausblick in ein vieldeutig verheiBungsvolles Jenseits. Inmitten aber, durch Podeste erhöht, ruhte der verstorbene Fürst auf seinem Staatsbett.
Über den Katafalk war die Königsflagge hingebreitet, deren goldene Wappentiere zwischen den Falten sprangen. Auf dem Fahnentuch die Symbole des Amtes: Szepter, Reichsapfel und die Krone selbst, daneben ein kleiner Kranz, rot und weiß. Um das Schaulager gestellt sechs hochübermannshohe Ker
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