stunden die Wachmannschaften des Lagers verkehrten. Zweimal war sein Gang vergeblich gewesen. Er mußte schon fürchten, sich verdächtig zu machen. Aber beim dritten Mal hatte er Glück. Hinten im Hof auf der primitiven Toilette war mit zehn Sätzen alles abgemacht worden. Genau um viertel nach eins würde der Sturmführer Linnemann den Schutzhäftling Steiger von seiner Pritsche holen. Genau fünf Minuten lang würde der doppelt geführte Stacheldraht ohne Strom sein. Dann mußte Ludwig bereitstehen.
,, Ich werd's Ihnen noch einmal deutlich erklären," sagte Martis. Sein Baß war so ruhig, als gehörte diese Expedition zu seinen Gewohnheiten. ,, Ich kenne das Gelände. Ich hab' hier gekarrt. Also, Sie gehen hier um den Kirchhof herum, Hoheit. Bei der zweiten Mauerecke gehen zwei Wege ab. Der links führt übers Feld bis zur Landstraße. Den nehmen Sie. An der Landstraße stehen Häuser, fünf oder sechs. Da ist's aber nicht. Sie gehen am Straßenrand weiter. Dann kommen noch mal zwei Häuser. Da ist's. Da warten Sie. Gerade gegenüber ist das Lager- höher als die Straße gelegen. Dort kommt Ihr Herr Lehrer herunter. Dann kommt alles darauf an, wo Sie stehen.' ,, Lassen Sie mich das wiederholen, Herr Martis." Er sagte seine Lektion auf.
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,, Stimmt," sagte Martis. ,, Haben Sie sich auch gut überlegt, daß Lebensgefahr dabei ist? Der Linnemann funktioniert. Aber wenn Alarm geschlagen wird, schießen die."
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