senämtern verbringen und Stunden hindurch vertrackte Formulare ausfüllen. Auch lag ihm an alldem wenig. Er war reich. Das geschäftliche Interesse hatte nie in ihm dominiert. Er war ganz zufrieden, sich weiter zwischen seinen Vitrinen zu bewegen und mit vereinzelten Kennern gelehrte numismatische Gespräche zu führen.
Um diese Zeit war seine Tochter längst ein erwachsener Mensch, ein zartes, schönes, ernsthaftes Mädchen. Ihre historischen und kulturhistorischen Studien hatte sie kurz vor der Doktorpromotion abbrechen müssen. ,, Sie können Ihr Studium an der hiesigen Universität nicht fortsetzen", hatte es ohne Anrede und Formel auf dem offiziellen Wisch bündig geheißen, und damit hatte es sein Bewenden gehabt.
Sie beklagte sich keineswegs. Zu lernen, meinte sie, gebe es bei den neugebackenen Professoren ohnedies nichts, die da mit dem Parteiabzeichen geschmückt die Katheder mißbrauchten. Es sei ihr nur hoch willkommen, sich mehr als bisher dem Vater widmen zu können.
An ihm hing sie leidenschaftlich. Nie riẞ den Beiden, die Neigungen und Interessen gemeinsam hatten, der Gesprächstoff ab. Es kam nicht vor, daß Ruth einen Abend außer Haus zubrachte.
Wo hätte sie übrigens hingehen sollen! Die jüdischen Familien pflegten kaum mehr Verkehr miteinander. Vielfach war in ihren Häusern mitten in der Nacht die Staatspolizei erschienen und hatte Gastgeber 216


