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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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und Gäste verhaftet, unter der schreckenerregenden Anschuldigung, sie hätten Moskau gehört." Der Radioapparat war überhaupt nicht in Gang gesetzt worden, wenn aber, so hatte man vielleicht zur Musik aus dem Londoner Savoy ein wenig getanzt- doch wie war das zu beweisen! Ein Theater, ein Konzert zu besuchen, empfahl sich ebenfalls nicht. Anrempe­lungen allerdings waren seltener geworden; jedoch man saẞ in Atemnähe des uniformierten Gelichters. Ruths Empfindlichkeit aber war außerordentlich. Ihren Vater schützte in gewissen Maß sein Ge­brechen und die freundliche Apathie des Alters. Ihr Dasein aber war ein ununterbrochener Ekel. Der Blick in eine Buchhandlung mit, nationaler" Litera­tur machte sie auf Tage krank. Gewöhnung stumpfte nicht ab. Sie reagierte auf die Photographie des ,, Führers und Reichkanzlers", sie reagierte sogar auf das allgegenwärtige Hakenkreuz so heftig wie beim ersten Anblick. Sie brachte es nicht fertig, eine deutsche Zeitung zu lesen, und zwar war ihr das gestelzte Geschwafel der sogenannten, besseren" Blätter fast noch tiefer zuwider als die platte Ordinär­heit der populären Parteipresse. Der Gedanke, fern von diesem besudelten Lande zu leben, ganz gleich wo, im tristen Frieden der französischen Provinz, in einem proletarischen Quartier in New York , war ein arkadischer Traum.

Doch eine solche Möglichkeit bestand nicht. Den Vater zu verlassen, konnte ihr nicht in den Sinn

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Institut für neuere deutsche Literatur der Justus- Liebig- Universität Gießen