Städten betrieben vereinzelte jüdische Antikenhändler auch weiterhin ihr Geschäft.
Wetzlar als ein eigensinniger alter Mann verschmähte die Schleichwege. Er tat, als wisse er nichts von der neuen Verordnung, und fuhr weiter jeden Tag von der Miquelstraße zum Roẞmarkt. Eines Morgens fand er seinen Laden verriegelt und sein Personal ratlos auf dem Trottoir. Er suchte den Zweiten Bürgermeister von Frankfurt auf, einen gebildeten Juristen, den er seit zwanzig Jahren kannte. Der empfing den blinden Greis mit Höflichkeit und versprach, seine Sache an entscheidendem Ort zur Sprache zu bringen. Drei Wochen später erhielt Wetzlar die formelle Erlaubnis, seinen Beruf weiter auszuüben. Wer die Ausnahme verfügt hatte, wußte er nicht. Er wußte aber auch nicht, daß seinetwegen ein Kompetenzstreit ausgebrochen war, und daß es ,, oben" Leute gab, die ihm für die erlittene Niederlage Rache zugeschworen hatten.
Mehrere Monate lang ging alles gut. Zwar war von einem eigentlichen Geschäftsgang längst nicht mehr die Rede. Die öffentlichen Münzinstitute konnten natürlich mit einem jüdischen Händler keine Abschlüsse wagen; im privaten Publikum war, mit anderen feineren Neigungen, auch die Freude an schönen Altertümern im Versiegen; und die Verbindung mit Käufern im Ausland war durch die schikanösen und unerlernbaren Geldbestimmungen unterbrochen. Der blinde Mann konnte nicht seine Tage auf den Devi
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