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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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Gesicht, war schon vorbei und, ehe Ludwig sich um­wandte, in der Bahnhofshalle verschwunden. Die Augen waren nachtdunkel gewesen, das Gesicht schmal und bräunlich, die Kleidung gering. Ein jüdi­sches junges Mädchen aus ärmerer Schicht.

Aber dieser nächtige und starre Blick hatte eine Erinnerung aufgerissen. Neben einem flammenlosen Kamin, auf steifem Holzstuhl, saß ein anderes jüdi­sches Mädchen- etwas jünger war sie damals gewe­sen, als diese fremde Kleine jetzt war. ,, Junge Leite!" Ludwig hörte die Stimme ihres Vaters- entschul­digend, weise, ironisch oder feig. Es war Frankfurter Jüdisch.

Natürlich er wohnte hier, der alte Antiquar seines Vaters. Er wohnte nicht nur hier- er gehörte auch zu den Verfemten, den Ausgestossenen, zu der winzigen und hilflosen Minderheit, aus deren Anprangerung, Besudelung, Beraubung, die herrschende Rotte sich ihre Effekte holte. Wetzlar konnte diese letzten Jahre nicht stillen Gemüts überdauert haben, trotz all seiner Skepsis und unterwürfigen Weisheit. Von ihm konn­te Ludwig sich Rat erwarten, vielleicht Förderung. Ein Jude er dachte nicht darüber nach, woher ihm die Gewißheit kam, aber sie war da- ein Jude würde einen Hilfsbedürftigen, der einem Hilflosen Hilfe brin­gen wollte, nicht ohne Beistand lassen. Es war ein Gnadengeschenk, das ihm die Vorübereilende mit ihrem Blick in die Seele geworfen hatte. Ludwig war versucht, ihr nachzugehen, sie im Bahnhofsgebäude

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