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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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oder den Verstand verlor. Und es war der Eine, den Ludwig liebte. Der seine Jugend bewacht hatte, seine Gedanken genährt, der innig an ihn geglaubt hatte. Ludwig stellte sich Steiger vor, wie der am Abend sich ausstreckte auf seiner Pritsche, wie er seine trostlosen Gedanken ausschickte aus seiner Verlassen­heit nach ihm, Ludwig, von dem sie ihm höhnisch gesagt haben mochten, er sei davon, sei außer Landes, habe sich feig in Sicherheit gebracht auf Kosten der andern. Vergessen mußte sich Steiger glauben, völlig verlassen, dem langsamen Tode ausgeliefert. Das durfte nicht sein.

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Ludwigs Standort war so, daß er dem Bahnhofsge­bäude den Rücken zukehrte und die breite, belebte Kaiserstraße hinuntersah. Ein Doppelzug von Men­schen bewegte sich herauf zum Platz und verteilte sich linkshin und rechtshin. Einzelne nur kamen mitten durch den Wagenverkehr auf ihn zu und strebten über seine Insel hinweg zur Station hinein.

Es sah ihn niemand an. Die Leute schienen es alle eilig zu haben. Es war auch weiter nichts Anziehendes mehr an Ludwig. Sein Gesicht sah müde aus, seine Kleidung war unfrisch, zerdrückt. Es gab keinen Grund, weshalb zum Beispiel Frauen hätten den Blick auf ihn heften sollen.

Eine tat es dennoch. Sie kam mit ziemlich ge­hetzten Schritten von der Kaiserstraße herüber, stutzte ganz auffällig, als sie zur Insel heraufkam, sah ihm aus großen Augen sonderbar starr und wild ins 206