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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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gegenzutreten, die im nicht narkotisierten Ausland beklagenswerter Weise immer noch umgingen. Sollte er waghalsig sich an die Frankfurter Parteileitung wenden und um solch eine Führung nachsuchen? Er kannte noch nicht einmal den Namen einer Zeitung in Lettland . Und wenn der in Erfahrung gebracht war, würde man nicht, selbstverständlich, seinen Jour­nalistenausweis von ihm fordern? In seinem Passe stand ,, Kaufmann". Gesetzt aber selbst, das fast Un­mögliche gelang, so brachte ihn ein solcher offizieller Besuch schwerlich in Kontakt mit dem Personal. Mehr als eine oberflächliche Lokalkenntnis würde ihm nicht vermittelt werden, und die allein half nicht weiter. Das Wunschbild zerging.

Der Weg aber mußte gefunden werden. Es war nur noch Einer, der für ihn litt. Doch das Schicksal dieses Einen war umso schlimmer, umso unabsehbarer. Keiner von den adeligen Offizieren und Beamten, die durch ihre ,, Beziehungen" befreit worden waren, schien sich um diesen Outsider gekümmert zu haben. Wahrscheinlich war auch keinem die Möglichkeit dazu gelassen; sie alle mußten heilfroh sein, die eigene Haut zu retten. Der Vernichtungsapparat der Nazi­partei hatte die Sechs widerwillig aus seinen Zähnen gelassen, an dem einen Opfer, das blieb, würde man sich schadlos halten. Ein davongejagter Lehrer, halb proletarisiert den schützte kein Bruder, der Gene­ralleutnant war, und kein Vetter in der Großindustrie. Den würden die Eisenzähne festhalten, bis er hinlosch

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