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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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hinten auf ihrem Hügel jenseits des Stromes die Burg. Breit hingelagert, mit ganz unzähligen Fenstern, die schlichte mächtige Front, dahinter die Gotik der Domtürme feierlich aufschoß. Es war das sechshun­dertjährige Haus der böhmischen Könige. Dort, er wußte es, arbeitete jetzt ein 85jähriger Greis, als Sohn eines slowakischen Kutschers geboren, ein alter Professor und Philosoph, klar, wahrhaftig und weise, aller Phrase und Pose mit Heiterkeit fern, Gründer, Schutzpatron, beinahe Gott dieses Staats, zu höchster Geltung aufgestiegen ohne die Menschlichkeit je zu verletzen, ein Blickpunkt und Trost für alle, die in einer Epoche der maulvollen Roheit und des Völker­betrugs vor Ekel verzweifelten.

Es schien Ludwig, und täglich sann er darüber nach, daß zwischen ihnen beiden die Schicksalsebene dieses Erdteils sich ausspannte wie zwischen Ver­gangenem und mutiger Zukunft: zwischen dem ur­alten Weisen, dem Sohn des Leibeigenen, gläubigem Schmied einer neuen Demokratie oben in seinem Königsschloß- und ihm selbst, letztem Nachkommen aus tausendjährigem Herrenblut, der in seiner Gast­hofmansarde so ausgeschieden, so ausgeschlossen, so vom Heute zurückgewiesen saß wie keiner.

Alles schloß ihn aus, Name, Erziehung, Geschick. Noch im Nächsten, Notwendigsten, war ihm die Tat versagt. Er war zum Opfer bereit gewesen. Aber auch der Tod versagte sich ihm. Andere lebten für ihn unterm Beil. Die sich in seinem Zeichen vorgewagt 148