2.
Zeitig wie jeden Tag erwachte er und blickte sich um. Das helle kleine Gasthofzimmer war ganz banal und vollkommen unpersönlich, denn hier gab es nichts, was dem Bewohner gehörte. Ein paar Toilettengegenstände auf dem Waschtisch, sonst war nichts zu sehen.
Er sprang auf, wusch sich, zog seinen Anzug an und setzte sich nahe ans Fenster. Immer von neuem lockte der Ausblick. Das bescheidene Hôtel, ein schmales und hohes Haus, gehörte zu einer krummen, eigensinnig geknickten Gasse der Altstadt. Aus seinem vierten Stockwerk blickte Ludwig hinab auf regelloses Gemäuer, schief und grau; ein Bogen spannte sich über den Gehweg, der einen hochgiebeligen Turm dahinter in zwei Hälften schnitt. Unter köstlich gebrochenen Balkonen zogen sich breit und weiß Ladenschilder und Plakate hin; ohne Rücksicht auf antiquarische Reinheit überdeckten sie halb die zartesten Schmiedeisengitter. Nichts Verletzendes lag darin, nur viel gutes Gewissen. Man hatte nicht weniger Lebensrecht als die Alten vor dreihundert Jahren. Schon zu so früher Stunde herrschte Verkehr, munter und ohne Hast. Selten fuhr ein Auto. Stimmen der sich Begrüßenden schallten herauf, es klang freundlich, niemand schrie.
Aber da sein Zimmer so hoch lag, erblickte Ludwig, zwischen zwei schrägen Dächern hindurch, dort
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