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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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weder er noch sonst irgend ein Mensch mit klaren Worten zu nennen wußte, als ein saugender Schwamm sich über den weiten Volkskörper legte. Wie vom Schmarotzertum ihrer hunderttausend Funktionäre die öffentlichen Schulden ins Unerrechenbare auf­schnellten, da niemand mehr da war, der Halt gebot. Ja, dem allem sahen jene einst gebietenden Herren tatenlos zu.

Schlimmer noch, es gab Mitglieder ihrer Familien, die sich beflissen an den zum Abgrund rasenden Wa­gen anhängten! Mußte einem Menschen wie Ludwigs Bruder August- denn Steiger nannte Personen wie Dinge bei Namen- nicht die Schamröte aufsteigen, wenn er davon las, wie Männer aus dem Volk, Prole­tarier, Enterbte, ihr Leben in die Schanze schlugen, wie sie namenlos opferten, namenlos hingefoltert wurden im Dunkeln, diese ,, Marxisten", diese ,, Bol­schewiken". Alle die nämlich, denen es nicht gleich­gültig oder erwünscht war, daß in diesem Deutsch­land erpreßt und geraubt wurde an allen Ecken. Deren Herz nicht stumpf genug war, jene Tausende zu vergessen, die bereits hinter elektrisch geladenem Stacheldraht tägliche Qualen litten. Nein, nicht das ganze Volk war vergeßlich. Nicht das ganze Volk unterwarf sich so freudig wie sein einst regierender hoher Adel der Recht- und Ruchlosigkeit. Ein furcht­bares Maß von Wut und Haß war aufgespeichert Es gab ein anderes Deutschland - Steiger wurde nicht müde, das zu wiederholen. Die in den Militärbünden 106