,, Alles ist hier wahrhaft revolutionär
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so wie
auch Michelangelo revolutionär war: der ganze künstlerische Ausdruck in seiner schonungslosen Heftigkeit, dies sich nicht genug tun Können, die männliche Feindschaft gegen alles Beschönigende, Glatte, Freundliche. Sie brauchen sich nur einmal vorzustellen, was Goethe gesagt hätte vor dieser so unbedingt hervorschießenden Leidenschaft, jener befriedete Goethe meine ich, dem bekanntlich ,, ein Unrecht lieber war als eine Unordnung"- ein Glück, daß er nichts gewußt hat von ihm! Aber es hätte ihn schwerlich geniert. Er hätte sich abgewendet so wie Luther, nicht mit unflätiger Schimpfrede natürlich, sondern mit einer seiner listig vereinfachten Formeln, einem der Heil- und Trostsprüche, mit denen er wie mit einer schweren Steinplatte den eigenen innern Abgrund verschloẞ."
So allerdings hatte sich Prinz Ludwig Kunstgeschichte nicht vorgestellt. Sie konnte also doch etwas anderes sein als ein ,, Zeitvertreib für jüngere Söhne." Nicht Vorwand, Fleißaufgabe und preziöse Spielerei, sondern wahrhafte Geisteswissenschaft, Beitrag zur Ausgestaltung des Daseins.
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Er hatte sich Rottecks Hauptwerk verschafft, seine Geschichte des Portraits in Europa ," von der bis jetzt vier Bände erschienen waren, und auf die sich sein Ruf gründete. Ein ungeheures Tatsachenwissen war hier mit römischer Klarheit geordnet. Die Meister lebten, und die sie dargestellt hatten, lebten auch.
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Institut für neuere deutsche Literatur der Justus- Liebig- Universität Gießen


